3. September 2013

MTB Laufradgrössen - Aller guten Dinge sind drei?

Über das Thema Laufradgrössen bei Mountainbikes wird spätestens seit diesem Jahr rege diskutiert. Da aber vor allem die Industrie und Medien ihre Meinungen kundtun, ist die Berichterstattung sehr einseitig. Die Hersteller wollen ihre neuen Produkte verkaufen und die Magazine schreiben (positive) Testberichte darüber. Als Mountainbikeguide diskutiere ich fast täglich mit meinen Kunden über Laufradgrössen und bin daher sehr nahe am Brennpunkt dran. Nachfolgend die Erfahrungen aus Sicht des Bikeguides.

Die Entwicklung der Laufradgrössen

 

Als vor über 30 Jahren die ersten Mountainbikes auf den Markt kamen, hatten diese 26" Räder. Irgendwer hatte sich für diese Grösse entschieden und sie galt für die kommenden Jahre als ideal. Zwischendurch wurde bei Downhill- und Dirtbikes noch mit 24" experimentiert, was sich aber nie durchsetzen konnte. Kleine unbekannte Bikeschmieden zeigten auch schon in den Neunzigerjahren Bikes mit 28" und 650B Laufrädern, aber der Markt war noch nicht bereit dafür.

Als Laufradgrössen noch kein Thema waren... (Foto: oldschoolmtb.com)

Und dann kam Gary Fisher und produzierte Mitte 2000 als erster grosser Bikehersteller Bikes mit 28" Radgrösse (oder eben 29er, um sich vom Rennrad zu distanzieren). Ursprünglich waren die grossen Räder vor allem für Biker mit mehr als 1.90 m Köperlänge gedacht, da diese keine wirklich passenden Bikes auf dem Markt fanden. Zusätzliche Vorteile der grossen Räder sind, dass sie besser über Hindernisse rollen, mehr Grip bieten und man einfach schneller damit fahren kann. Am Anfang waren die 29er vor allem bei den Amerikanern populär, die Europäer wollten von diesem neuen Trend noch nichts wissen.

Als dann immer mehr Hersteller mit 29" Bikes auf den Markt kamen, wurden auch die hiesigen Medien darauf aufmerksam und begannen mit der Bericherstattung. Endlich gab es wieder ein Thema, um die Heftseiten zu füllen! Seither jagd ein Vergleichstest den nächsten, die Hersteller werfen laufend neue Teile auf den Markt, es werden Rennen gewonnen und das 29er Bike gilt als die grosse Sensation.

Aber es gibt auch eine Kehrseite, denn 29er Bikes sind nicht für jeden Einsatzbereich oder jede Person geeignet. Wegen der grossen Räder müssen die Rahmengeometrien angepasst werden (um wieder die 26" Sitzposition zu erhalten...) und es können keine Bikes mit viel Federweg gebaut werden. Zudem sind die Laufräder schwer, träger und weniger steif. Personen, die kleiner als 1.70 m sind, sind eigentlich nicht für 29er Bikes bestimmt, da die Proportionen bei den kleinen Rahmengrössen falsch verteilt sind (Sattel ist tiefer als der Lenker).

Diese negativen Punkte haben dann die findigen Bikehersteller genutzt, um einer weiteren Laufradgrösse neues Leben einzuhauchen. 650B, ein altes französisches Mass, schien die optimale Lösung, um die Lücke zwischen 26" und 28" zu füllen. Vor allem der Grosshersteller Scott setzte ab 2012 konsequent auf die neue Grösse (dies auch wegen Teamfahrer Nino Schurter, der sich mit 29er Bikes nicht anfreunden kann). Die anderen grossen Hersteller zögerten noch und so nutzten vor allem kleinere innovative Bikemarken die Chance und brachten für das Modelljahr 2013 die ersten 27.5" Bikes.

Mein Rocky Mountain Altitude 770 MSL mit 27.5" Laufrädern.

Wieviele Laufradgrössen braucht der Mountainbiker?

 

Was am Anfang als Trend galt wird nun für das Jahr 2014 einschlagen wie eine Bombe. Ausser Specialized (setzen voll auf 29er) haben sämtliche Bikehersteller mehrere Modelle mit 27.5" Laufräden im Angebot. Das neue Mass wird wohl früher oder später die 26" Bikes ablösen. Grosser Vorteil der Zwischengrösse ist, dass man bei der Rahmengeometrie nicht so eingeschränkt ist und sogar Downhillbikes mit 27.5" Laufrädern bauen kann. Da 27.5" sehr nahe bei 26" liegt, behalten die Bikes das spritzige Fahrverhalten und rollen sogleich ein bisschen besser über Hindernisse. Zudem sind sie steifer und leichter, als vergleichbare 29" Bikes.

Nun stellt sich wohl jeder Mountainbiker die Frage, was für ihn die richtige Laufradgrösse ist. 26", 27.5" oder 29"? Eines vorweg, für das Modelljahr 2014 wird es nicht mehr viele 26" Bikes geben. Die Entscheidung fällt also auf 27.5" oder 29".

Meine persönliche Prognose ist, dass 27.5" das neue Standardmass wird und 26" bei den Tourenbikes per sofort ablöst. Vor allem für kleinere Personen und für Bikes mit viel Federweg ist 27.5" sicher die richtige Grösse. Bei den Downhill- und Dirtbikes wird es wohl noch eine Weile bei 26" bleiben, dort sind steife und stabile Laufräder sehr wichtig, um die entstehenden Kräfte bei Kurven und Sprüngen aufzunehmen. 29" hingegen wird das Laufradmass für Rennfahrer und Tourenfahrer sein. Mit den grossen Rädern lässt es sich schnell und komfortabel fahren, sicher ein Vorteil bei Cross Country Rennen und bei ausgedehnten Touren.

Ich habe mit allen drei Radgrössen meine Erfahrungen schon gemacht. Als bisher überzeugter 26" Fahrer habe ich dennoch diesen Frühling die Entscheidung getroffen, in Zukunft mit grösseren Laufrädern zu fahren. Ich habe mich für ein Rocky Mountain Altitude 770 MSL mit 27.5" Rädern entschieden. Das Bike fährt sich in jedem Terrain super, aber ich glaube das liegt vor allem an der perfekten Geometrie und weniger an den grösseren Reifen. Als sehr guter Biker ist für mich die Laufradgrösse sekundär, in erster Linie muss das Setup stimmen, nur so kann ich das ganze Potenzial eines Bikes abrufen. 29" Bikes konnten mich bis jetzt noch nicht restlos überzeugen. Das gute Rollverhalten ist ganz klar spürbar, aber für mich sind noch andere Kriterien wichtig. Ich will mit dem Bike spielen können, will es in die Kurve werfen, will Manuals machen und will möglichst viel mit beiden Rädern in der Luft sein. Dafür sind die kleineren Räder einfach besser geeignet.

Für den Endkunden, den Bikeshop und den Vertrieb wäre es sicher von Vorteil, wenn eine Laufradgrösse ganz wegfällt. Der Kunde könnte sich einfacher entscheiden und der Händler müsste irgendwann nicht mehr Material für alle drei Standards an Lager haben. Dieser Prozess könnte allerdings noch lange dauern.

Was man bei Gesprächen und Foreneinträgen ebenfalls sieht ist, dass sich die Biker immer mehr über alle diesen Entwicklungen ärgern. Viele haben das Gefühl, sie seien Opfer der Industrie geworden und müssen die Teile fahren, die ihnen die Hersteller und Magazine diktieren. Irgendwie verständlich, es gibt wohl kaum eine andere Branche, ausser der Modewelt, die ihre Produkte und Standards jede Saison fast komplett über den Haufen wirft. Es ist daher zu hoffen, dass nun wieder ein bisschen Ruhe einkehrt!

Welche Grösse darf es sein? (Foto: bike-magazin.de)

Grosse Laufräder helfen nicht, eine schlechte Fahrtechnik zu kompensieren!

 

Wo immer die Entwicklung auch hinführt, eines wird immer gleich bleiben: Die Fahrtechnik macht einen guten Biker aus und nicht die Laufradgrösse des Bikes! Dies hat man an der aktuellen Weltmeisterschaft in Südafrika gerade wieder gesehen. Die Titel wurden mit den verschiedensten Radgrössen gewonnen, aber nicht das Material, sondern die technisch und konditionell stärksten Fahrer haben dominiert (XC Elite: Schurter und Bresset mit 27.5", DH Elite: Minnaar und Atherton mit 26".)

Was mich als Bikeguide und Fahrtechnikexperte stört ist, wenn der Fachhändler einem Kunden ein Bike mit grösseren Rädern verkauft mit der Begründung, er könne dann besser über Hindernisse fahren (wird vor allem bei Frauen als Argument verwendet). Das ist Quatsch!

Das Bike kann noch so gut sein und noch so grosse Räder haben, wenn die grundlegenden Elemente für eine gute Fahrtechnik fehlen, dann wird der Biker auch weiterhin seine Mühe auf den Trails haben. Investiert also vor allem viel Zeit ins Training, fährt so oft mit dem Bike wie ihr könnt und schaut, dass ihr eure Fahrtechnik auf ein höheres Level bringt. Hilfe bietet hier sicher auch ein Kurs, den ihr zum Beispiel bei der Fit for Trails Mountainbike School besuchen könnt.

Und lasst euch nicht verrückt machen von all den verschiedenen Meinungen zum Thema Laufräder. Die Grösse ist nicht entscheidend! Habt Spass, geniesst die Natur und verbringt eine gute Zeit mit den Kollegen auf dem Bike, das ist viel wichtiger! Keep the spirit alive!

Das ist was zählt! Laufradgrössen werden hier nebensächlich...

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