14. Dezember 2016

E-Mountainbike - Fluch oder Segen?

Kein Thema hat in der Geschichte des Mountainbikesports mehr polarisiert als das E-Mountainbike. Die einen verfluchen es und sprechen von Verrat, die anderen lieben es und finden es eine Revolution. Zeit also, um sich dieser umstrittenen Thematik anzunehmen...

Als Mountainbiker der ersten Stunde und als Fahrtechnikexperte und Tourenanbieter bin ich selbst auch täglich mit dem E-MTB konfrontiert bzw. mittendrin, wenn es darum geht, Position zu beziehen. Einerseits gehöre ich auch zu den konservativen Genossen, die sagen, man soll gefälligst jeden Anstieg aus eigener Muskelkraft bewältigen. Man muss sich schliesslich die bevorstehende Abfahrt verdienen und das Glücksgefühl ist viel grösser, wenn man verschwitzt und ausgepowert auf dem Berggipfel ankommt. Andererseits sehe ich viele meiner Kunden, die mittlerweile ein E-Bike besitzen und wieder neue Freude am Bikesport gefunden haben. Sei es aus Altersgründen oder wegen gesundheitlichen Problemen, dank Motor können sie wieder aktiv Biken gehen und müssen nicht zu Hause vor dem Fernseher verzweifeln.

Für mich als Bikeguide ist das E-MTB das ideale Fortbewegungsmittel, um neue Regionen und Trails zu erkunden. Relativ kraftsparend kann ich Wege suchen oder einfach mal irgendwo hoch fahren und etwas ausprobieren, ohne dass ich zu viel Zeit dafür benötige. Und trotz Motor bewege ich mich in der Natur, habe viel Spass und kann meinen Körper trainieren.

Ein Mountainbike mit Motor. Nicht jedermanns Sache...


E-Mountainbiker sind eine Bereicherung für den Bikesport


Für viele traditionelle Mountainbiker sind E-Mountainbiker keine richtigen Biker. Es wird sehr oberflächlich argumentiert, meistens haben viele dieser Leute aber noch gar nie ein E-Mountainbike gefahren. Es herrscht die weitverbreitete Meinung, dass man beim E-MTB nicht mehr treten muss. Das ist falsch, ein E-Bike ist kein Motorrad, wo man nur am Gashahn drehen kann. Das Gerät bewegt sich erst, wenn man in die Pedale tritt! Der Motor ist also lediglich eine Unterstützung, man muss seine Beine und Lunge genauso trainieren, damit man eine längere Tour ohne Schmerzen und Zusammenbruch übersteht.

Aus diesem Grunde sind für mich die E-Mountainbiker mit den normalen Bikern gleichzustellen. Sie sind vielleicht ein bisschen schneller auf dem Berg und sind oben nicht ganz so ausgelaugt, wie die motorlosen Kollegen. Aber von der Grundidee her geht es genau um das gleiche. Nämlich den schönsten Sport, den es gibt, auszuüben und ganz viel Spass zu haben.

Der E-MTB Boom ist erst am Anfang. Ich bin mir sicher, dass in den nächsten 10 Jahren gegen 50% aller Biker mit Motor unterwegs sein werden. Wir werden das nicht vermeiden oder sogar verbieten können. Das ist der Lauf der Zeit, so wie ganz viele andere Dinge den Weg in unser Leben gefunden haben, mit denen wir mittlerweile ganz gut klar kommen.

Mit dem Wachstum und der Verbreitung von E-MTBs braucht es sicher auch mehr Aufklärungsarbeit und Prävention. Da müssen alle Personen dazu beitragen, damit in Zukunft grössere Probleme und Ärger vermieden werden können (mehr dazu am Ende des Artikels).

Wichtig ist, dass der Bikesport endlich als Breitensport wahrgenommen wird. Und da helfen alle Biker mit, egal ob sie mit oder ohne Motor unterwegs sind. Gerade in der Schweiz sind die Mountainbiker mittlerweile die erfolgreichsten Sportler des Landes, sie räumen regelmässig Goldmedaillen und Siegerpokale bei allen grossen Rennen ab. Es ist also definitiv an der Zeit, dass unser Sport die nötige Beachtung und Akzeptanz findet!

Daran sollte man sich gewöhnen. Die Zahl der E-Biker steigt rasant!


Die Medien vermitteln ein falsches Bild von E-Mountainbikern


Schuld am zweifelhaften Ruf der E-Mountainbiker sind nicht nur die motorlosen Biker, sondern vor allem die Medien. In vielen Magazinen und auf Internetseiten wird der E-Biker sehr rebellisch dargestellt. Endlich ist es möglich, dass man dank Motorantrieb die steilsten Rampen hochfährt, unendlich viele Höhenmeter sammelt, an die entlegensten Stellen kommt und vor allem ganz viel Uphill Flow geniesst (wie ich das Wort Uphill Flow hasse!). Wenn man ein E-MTB Magazin durchblättert liest man nur Superlative und Extreme. Es ist wie in diesen Autozeitschriften, wo es nur um PS, Hubraum und Geschwindigkeit geht. Alle diese Floskeln zeichnen ein völlig falsches Bild vom Durchschnitts-E-Biker. Dieses Machogehabe reflektieren nur die Personen, die für diese Magazine die Berichte schreiben. Meistens sind das sehr gute und trainierte Biker, die dank ihren Fähigkeiten ein E-Bike an die Grenze des Machbaren bringen können. Zugegeben, auch ich habe schon versucht einen Steilhang zu fahren, bis es mich nach hinten abgeworfen hat. Aber das gehört für mich zur Seltenheit, normalerweise fahre ich die gleichen Strecken, wie mit dem Bike ohne Motor.

Alle E-Mountainbiker, die ich bis jetzt an meinen Fahrtechnikkursen und auf Biketouren begrüssen durfte, waren ganz freundliche und zurückhaltende Biker. Keiner musste mit seiner Motorpower angeben, keiner wollte irgendwelche Steilhänge oder Trails in Gegenrichtung fahren, keiner wollte möglichst schnell auf dem Hügel sein. Im Gegenteil, ich war erstaunt, wie langsam und vorsichtig gefahren wurde, trotz Motor. Diese Personen nutzen den Antrieb nur, damit sie so Biken können, wie sie es in früheren Jahren schon gemacht haben oder um irgendwelche körperlichen Beschwerden zu vermeiden. Dank der Tretunterstützung haben sie weiterhin viel Spass am Bikesport und können auch längere Touren fahren, ohne dass sie sich dabei total verausgaben.

An dieser Stelle daher ein Appell an die Bikemagazine und an die Hersteller:  Bitte schreibt eure Texte für die Allgemeinheit und zeigt Bilder, die der Realität entsprechen. 90% der E-Biker sind nämlich garantiert nicht so unterwegs, wie ihr das in euren Zeitschriften und Werbungen darstellt!

E-Bike und Integralhelm? Nein, das wollen wir nicht sehen... (Foto: EMTB Magazin 01/16)


Okay, Drops springen geht. Aber wer macht das schon? (Foto: EMTB Magazin 02/16)


Gegenseitige Toleranz und Rücksicht sind gefordert


Beim Biken spricht man immer von Toleranz. Bis jetzt hat das vor allem gegenüber den Fussgängern und Wanderern gegolten, die man auf den Trails gekreuzt hat. Das funktioniert mittlerweile ganz gut, man hat sich aneinander gewöhnt und es gibt nur noch selten Probleme mit dem Fussvolk.

Nun ist eine neue Toleranz gefordert und zwar die zwischen den motorisierten und den unmotorisierten Bikern. Aus Kreisen der normalen Mountainbiker hört man die gleichen Parolen und primitives Gefluche, wie man es bis jetzt von den Fussgängern kennt: E-Mountainbiker gehören nicht in die Berge, E-Mountainbiker haben auf den Wanderwegen nichts verloren, E-Mountainbiker verhalten sich rücksichtslos, E-Mountainbiker sind faul, E-Mountainbiker machen die Wege kaputt. Hand aufs Herz, kommt euch das nicht auch bekannt vor?

Schlussendlich sind wir alles Menschen, die Spass am Radfahren haben, die das Erlebnis in der Natur suchen, und die die besten Trails fahren wollen. Je mehr Mountainbiker, egal ob mit oder ohne Motor, sich diesem wunderschönen Sport anschliessen, desto stärker ist unsere Lobby und desto mehr werden wir von den Nichtbikern wahrgenommen. Wir haben immer noch einen Ruf zu verlieren bzw. zu verteidigen und je mehr Biker unterwegs sind, desto eher wird der Bikesport als Breitensport akzeptiert. Gemeinsam sind wir stark!

Biken macht Spass! Egal ob mit oder ohne Motor.


Achtung vor Gegenverkehr auf den Trails


Heikelster Punkt wird in Zukunft das Befahren von steilen Trails in Gegenrichtung sein. Dank der Motorunterstützung ist es nun möglich, dass man Wege hochfährt, die man bis jetzt nur runtergefahren ist. Diese Herausforderung hat natürlich ihren Reiz, sie ist aber sehr gefährlich!

Frontalkollisionen werden sicher zunehmen, daher gilt es noch besser die Augen und Ohren offen zu halten, um einen möglichen "Geisterfahrer" frühzeitig zu bemerken. Und bitte lasst auch den gesunden Menschenverstand walten und fährt nicht einfach jeden Trail hoch. Schlechtestes Beispiel ist hier einmal mehr das EMTB Magazin, welches voller Stolz davon berichtet, wie sie den berühmten Canyon Trail in Massa Marittima/Toscana hochgefahren sind. Einfach nur dumm!

Da sind nun auch Streckenbauer und Tourismusregionen gefragt, vielleicht ist es besser, wenn wir zukünftig auf richtungsgetrennten Wegen unterwegs sind. Gerade in stark befahrenen Gegenden können so viele Probleme und Unfälle vermieden werden, wenn ganz klar gekennzeichnet ist, wo man hoch und wo runter fährt. Gemäss Informationen sind hier aber schon erste Gespräche im Gange.

Canyon in Massa Marittima in Gegenrichtung?! Einfach nur dumm! (Foto: EMTB Magazin 01/16)

Prävention und Sicherheit sind wichtig


Mit der rasanten Verbreitung von E-Mountainbikes wird es sicher auch neue Konflikte und Probleme geben. Das hat aber nicht direkt mit dem E-MTBs zu tun, sondern weil in den kommenden Jahren einfach noch mehr Leute mit dem Bike unterwegs sein werden. Daher ist es wichtig, dass weiterhin sichergestellt ist, dass sich alle an die Regeln halten, niemand rücksichtslos über die Trails brettert und vor allem keine schweren Unfälle passieren. Je weniger wir auffallen, desto weniger werden die Medien über uns berichten.

Wir bei Fit for Trails haben darum schon zu Beginn dieses Jahres die ersten Fahrtechnikkurse für E-Mountainbiker angeboten, welche auf reges Interesse gestossen sind. Den Teilnehmern wurden alle nötigen Techniken gezeigt, damit sie ihr Gefährt in jeder Situation unter Kontrolle haben. Daneben wurde auch Präventionsarbeit geleistet und aufgezeigt, was man mit einem E-Bike alles machen kann und was man besser sein lassen sollte.

Alle Informationen zu unseren E-MTB Kursen findest du auf der Website.

Fahrtechnikkurs bei Fit for Trails für mehr Sicherheit und Gefühl fürs Bike.
Schritt für Schritt gewöhnt man sich ans E-MTB und erlangt so mehr Technik.

Fazit


Das E-MTB wird unaufhaltsam seinen Siegeszug fortsetzen. Wenn wir uns alle wie erwachsene Menschen verhalten und gewisse Regeln befolgen, dann werden wir Biker und E-Biker sicher viel Freude und Spass miteinander haben. Schliesslich sind wir alle Mountainbiker!

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