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20. Februar 2020

Radsportler sind Jäger und Sammler

Ich bezeichne mich selbst als sehr ordentlichen Menschen. Ich führe einen aufgeräumten Haushalt, entsorge regelmässig altes Zeugs, das ich nicht mehr brauche und überlege mir genau, welche Dinge ich mir anschaffe und auch wirklich brauche. Ich tendiere sogar zum Minimalismus.

Was in meinem normalen Leben ganz gut funktioniert und mich frei und glücklich macht, das geht in meinem Dasein als Radsportler leider nicht wirklich. Ich und die meisten anderen Radsportler gehören zur Gattung Jäger und Sammler. Wir jagen nach coolen Teilen, um unsere Bikes schöner, leichter und schneller zu machen. Und gleichzeitig werden wir zu Sammlern, weil wir das ganze nicht benötigte Material zu Hause horten und zusehen, wie es alt und unbrauchbar wird.

Warum tue ich mich so schwer, um mich von diesem alten Zeugs zu trennen und sammle Teile, die ich gar nicht mehr verwenden kann?

Diese Frage habe ich mir in letzter Zeit immer häufiger gestellt und deshalb den Entschluss gefasst, dass auch beim schönsten Sport der Welt Ordnung und Vernunft herrschen muss. Darum entsorge und verkaufe ich jetzt laufend meine Sammlerstücke und Staubfänger. Bis jetzt bereue ich es nicht!

Ich bin mir sicher, fast jeder ambitionierte Mountainbiker oder Rennradfahrer leidet an diesem Syndrom. Dein Keller oder deine Garage sind garantiert voll mit Kisten und Regalen, welche mit Bikematerial gefüllt sind, oder? Getreu nach dem Messi-Motto "das kann ich irgendwann mal noch brauchen" behält man alte Lenker, Pedalen, Reifen, Kettenblätter, usw. Aber seit wann liegen diese Teile bei dir rum? 1, 2, 5 Jahre? Hast du in der schnelllebigen Bikeindustrie wirklich das Gefühl, dass du dieses Zeugs jemals wieder an ein Bike schrauben wirst? Nein, wahrscheinlich nicht.

Nutze jetzt die Winterzeit, um dich von diesem Müll zu befreien. Schon bald hast du mehr Platz in deinem Bikeraum und suchst nicht mehr stundenlang nach einer Schraube. Du hast beim Wiederverkauf ein paar Franken verdient und vor allem bist du zum Frühlingsanfang bereit, um ohne Ballast in die neue Bikesaison zu starten!

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So sieht es wohl bei vielen Radsportlern im Keller oder in der Garage aus...



Behalte nur Dinge, die an dein aktuelles Bike passen


Wenn du jetzt mit dem Aufräumen beginnst, dann schaue vor allem, welche Teile an dein aktuelles Bike passen und welche nicht. Es ist sinnlos, wenn du eine 12-fach Schaltung fährst und einen 10-fach Schalthebel behältst. Wenn dein aktuelles Bike mit 29 Zoll Laufrädern ausgestattet ist, dann kannst du die 26 Zoll Reifen und Schläuche entsorgen. Die sündhaft teuren Carbon-Laufräder für dein altes Rennrad mit Felgenbremsen wirst du für deinen neuen Renner mit Scheibenbremsen nie mehr gebrauchen. Kennst du diese Situationen?

Ich selbst schaue nun ganz bewusst, dass ich nur Teile auf Vorrat habe, die ich sicher jederzeit verbauen kann. Das Mountainbike ist mein tägliches Arbeitsgerät, auf welches ich unmöglich verzichten kann, und darum habe ich die wichtigsten Komponenten auf Lager, falls mal ein unverhoffter Defekt auftritt. So war ich schon froh um Ersatzgabel oder Ersatzräder, weil diese in die Reparatur mussten und erst nach zwei Wochen wieder zurückkamen. Auch Bremsbeläge sind immer im falschen Moment komplett abgefahren und dann ist es schön, wenn die Neuen schon bereit liegen. Zusätzlich auf Reserve habe ich Ketten, Schaltkabel, Schläuche (obwohl ich Tubeless fahre), Reifen, Pedalen und Kleinmaterial für die schnelle Reparatur.

Wenn mir aber wieder ein neues Mountainbike ins Haus kommt, dann schaue ich, dass ich mich möglichst rasch von allem Material trenne, das dafür nicht mehr passt. Mit den vielen verschiedenen Standards und immer häufigeren Modellwechseln, ist das Verkaufen und Loswerden mittlerweile ein richtiges Wettrennen geworden…

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Mein Keller heute. Wenig Bikes und alles schön aufgeräumt und versorgt. Für mich stimmt es so!



Lass dich nicht zu fest von Emotionen leiten


Sich von Gütern zu trennen ist oft ein sehr emotionaler Prozess. Als Mountainbiker der ersten Stunde habe auch ich lange die Teile von meinen allerersten Bikes behalten (Shimano XT Daumenschalthebel, Rock Ring Kettenblattschutz, DCD Kettenführung, Marzocchi XC 600 Federgabel, Panaracer Smoke Reifen, Selle Italia Flite Sattel, usw.) Wie viele Ex-Rennfahrer hatte ich auch noch eine riesige Sammlung von Startnummern, welche die Wände tapezierten. Irgendwann fragte ich mich aber, was mir das eigentlich alles bringt. Die Emotionen und Erlebnisse von damals habe ich weiterhin im Kopf, im Herzen und auf Fotos. Also verkaufte und entsorgte ich eines Tages diese Oldschool Teile und es hat mir überhaupt nicht weh gemacht. Besser noch, das Material war weg und ich musste es nicht mehr abstauben und Platz dafür hergeben.

Zugegeben, Emotionen sind etwas Schönes, vor allem wenn es den Mountainbikesport betrifft. Auch heute habe ich noch glänzende Augen, wenn ich vor einem alten Yeti, Klein, Ritchey, Breezer, usw. stehe. So war dann auch der Besuch der Mountain Bike Hall of Fame in Kalifornien im August 2016 einer der schönsten Momente in meinem Bikerleben (siehe Blogeintrag).

Aber eben, ich überlasse dieses Sammeln von altem Material den Profis, welche damit dann Bikes für das Museum zusammenbauen. So wird die Geschichte des Fahrrads weiter getragen und findet in der Öffentlichkeit statt. Und nicht in einem Keller in vergammelten Kisten.

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Mountain Bike Hall of Fame in Kalifornien. Die Pilgerstätte für Oldschool Fans!



Bekleidung und Trinkflaschen nicht vergessen


Nicht nur beim Material für die Bikes kann man die Kontrolle verlieren, sondern auch bei Bekleidung und Trinkflaschen. Radsport ist ein Ganzjahressport und um für alle Jahreszeiten gewappnet zu sein, braucht es einiges an Kleidern. Wer Wettkämpfe bestreitet, wird auch dort noch mit Erinnerungsshirts oder Trinkflaschen zugemüllt. Ich warte immer noch auf den Event, wo ich ein Shirt erhalte, dass mich nicht wie eine lebende Werbesäule aussehen lässt...

Bei der Bekleidung gilt ebenfalls, was nicht mehr brauchbar oder passend ist, gehört weggeschafft. Aus dem Baumwoll-Shirt vom Bikerennen von 2001 kannst du immerhin noch Putzlappen schneiden. Radhosen, deren Sitzpolster mittlerweile dünn wie Papier ist, wandern in den Müll. Ausgeleierte und verblichene Trikots wirst du auch nicht mehr anziehen, also weg damit. Falls du noch coole Retro- oder Kultshirts besitzt, diese können in einen Bilderrahmen gelegt und aufgehängt werden. An der Wand sehen sie besser aus, als in der Kiste im Keller.

Trinkflaschen ist ein weiteres Relikt, das sich laufend anstaut. Du solltest nur die Flaschen behalten, welche sicher in deinen Flaschenhalter passen und dir gefallen. Hässliche, alte und verschimmelte Bidons kannst du fachgerecht entsorgen.

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Auch bei der Bekleidung kann man die Kontrolle verlieren...



Verkaufen/Kaufen, Verschenken, Entsorgen


Dein nicht mehr benötigtes Bikematerial oder auch ganze Fahrräder kannst du auf verschiedenen Wegen loswerden.

Für den persönlichen Kontakt empfiehlt sich eine Teilebörse, dort herrscht Basarstimmung und nebst um Preise feilschen kannst du auch noch mit Gleichgesinnten fachsimpeln. Legendär ist zum Beispiel der Teilchenbeschleuniger in Zürich, wo sich jeweils das Who-is-Who der Schweizer Veloszene trifft. Mittlerweile gibt es auch Ableger in anderen Kantonen.

Wenn du dein Zeugs online loswerden willst, dann sind folgende Websites eine gute Möglichkeit: eBayFacebook Marketplace und spezifische Facebook Seiten, um an internationale Kundschaft zu gelangen. Und TraildevilsVelomarktRicardoTuttiVeloclickVelocorner für Schweizer Käufer. Aber mach dir keine Hoffnungen, dass du damit reich wirst. Der Markt ist toter als tot… Es herrscht ein totales Überangebot an Bikes und Komponenten und dementsprechend sind die Preise am Boden. Ich musste schon ein paar Mal fast weinen, wenn ich für nagelneues Material nur noch einen Schweinepreis erhalten habe.

Dafür kann man als Käufer natürlich von dieser Situation profitieren. Mit ein wenig Geduld findet man auf dem Gebrauchtmarkt neues Material zu Preisen, bei denen auch der günstigste Online-Shop nicht mithalten kann. Und gleichzeitig tut man Gutes, wenn man bereits vorhandene Ware kauft und so die Konsum- und Wegwerfmentalität ein bisschen bremst.

Um deine soziale Seite zu zeigen und jemandem eine Freude zu bereiten, kannst du dein überzähliges Material auch einfach verschenken. Viele Bikeclubs oder Familien sind froh, wenn sie für ihren Nachwuchs gratis zu Bikes, Biketeilen oder Bekleidung kommen. Was für dich selbst nicht mehr gut genug ist, das reicht für andere noch lange. Die Dankbarkeit, die du für diese nette Geste erhältst ist unbezahlbar!

Hortest du abgefahrene Reifen, ausgetauschte Kettenblätter, verbogene Schaltwerke und gekürzte Lenker? Ab in den Müll damit! Es gibt Teile, für die du weder Geld bekommst, noch jemanden eine Freude machen kannst. Es bringt nichts, wenn du stark gebrauchtes oder sogar defektes Material aufbewahrst. Du wirst diese Dinge nie mehr verwenden, verschwende keinen Platz dafür.

Wenn du die Entsorgung unbedingt vermeiden willst, dann hat vielleicht ein Künstler Interesse an deinem Altmetall. Es gibt einige kreative Köpfe, die aus alten Teilen Schmuckstücke, Kleiderbügel, Bilder, Taschen, usw. herstellen.

In diesem Sinne, viel Spass beim Aufräumen, Verkaufen und Entsorgen! Du wirst sehen, es macht dich glücklich!

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Der Teilchenbeschleuniger in Zürich. Die Kultveranstaltung für Velofans! (Foto: Facebook/Teilchenbeschleuniger)

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