20. Februar 2020

Radsportler sind Jäger und Sammler

Ich bezeichne mich selbst als sehr ordentlichen Menschen. Ich führe einen aufgeräumten Haushalt, entsorge regelmässig altes Zeugs, das ich nicht mehr brauche und überlege mir genau, welche Dinge ich mir anschaffe und auch wirklich brauche. Ich tendiere sogar zum Minimalismus.

Was in meinem normalen Leben ganz gut funktioniert und mich frei und glücklich macht, das geht in meinem Dasein als Radsportler leider nicht wirklich. Ich und die meisten anderen Radsportler gehören zur Gattung Jäger und Sammler. Wir jagen nach coolen Teilen, um unsere Bikes schöner, leichter und schneller zu machen. Und gleichzeitig werden wir zu Sammlern, weil wir das ganze nicht benötigte Material zu Hause horten und zusehen, wie es alt und unbrauchbar wird.

Warum tue ich mich so schwer, um mich von diesem alten Zeugs zu trennen und sammle Teile, die ich gar nicht mehr verwenden kann?

Diese Frage habe ich mir in letzter Zeit immer häufiger gestellt und deshalb den Entschluss gefasst, dass auch beim schönsten Sport der Welt Ordnung und Vernunft herrschen muss. Darum entsorge und verkaufe ich jetzt laufend meine Sammlerstücke und Staubfänger. Bis jetzt bereue ich es nicht!

Ich bin mir sicher, fast jeder ambitionierte Mountainbiker oder Rennradfahrer leidet an diesem Syndrom. Dein Keller oder deine Garage sind garantiert voll mit Kisten und Regalen, welche mit Bikematerial gefüllt sind, oder? Getreu nach dem Messi-Motto "das kann ich irgendwann mal noch brauchen" behält man alte Lenker, Pedalen, Reifen, Kettenblätter, usw. Aber seit wann liegen diese Teile bei dir rum? 1, 2, 5 Jahre? Hast du in der schnelllebigen Bikeindustrie wirklich das Gefühl, dass du dieses Zeugs jemals wieder an ein Bike schrauben wirst? Nein, wahrscheinlich nicht.

Nutze jetzt die Winterzeit, um dich von diesem Müll zu befreien. Schon bald hast du mehr Platz in deinem Bikeraum und suchst nicht mehr stundenlang nach einer Schraube. Du hast beim Wiederverkauf ein paar Franken verdient und vor allem bist du zum Frühlingsanfang bereit, um ohne Ballast in die neue Bikesaison zu starten!

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So sieht es wohl bei vielen Radsportlern im Keller oder in der Garage aus...



Behalte nur Dinge, die an dein aktuelles Bike passen


Wenn du jetzt mit dem Aufräumen beginnst, dann schaue vor allem, welche Teile an dein aktuelles Bike passen und welche nicht. Es ist sinnlos, wenn du eine 12-fach Schaltung fährst und einen 10-fach Schalthebel behältst. Wenn dein aktuelles Bike mit 29 Zoll Laufrädern ausgestattet ist, dann kannst du die 26 Zoll Reifen und Schläuche entsorgen. Die sündhaft teuren Carbon-Laufräder für dein altes Rennrad mit Felgenbremsen wirst du für deinen neuen Renner mit Scheibenbremsen nie mehr gebrauchen. Kennst du diese Situationen?

Ich selbst schaue nun ganz bewusst, dass ich nur Teile auf Vorrat habe, die ich sicher jederzeit verbauen kann. Das Mountainbike ist mein tägliches Arbeitsgerät, auf welches ich unmöglich verzichten kann, und darum habe ich die wichtigsten Komponenten auf Lager, falls mal ein unverhoffter Defekt auftritt. So war ich schon froh um Ersatzgabel oder Ersatzräder, weil diese in die Reparatur mussten und erst nach zwei Wochen wieder zurückkamen. Auch Bremsbeläge sind immer im falschen Moment komplett abgefahren und dann ist es schön, wenn die Neuen schon bereit liegen. Zusätzlich auf Reserve habe ich Ketten, Schaltkabel, Schläuche (obwohl ich Tubeless fahre), Reifen, Pedalen und Kleinmaterial für die schnelle Reparatur.

Wenn mir aber wieder ein neues Mountainbike ins Haus kommt, dann schaue ich, dass ich mich möglichst rasch von allem Material trenne, das dafür nicht mehr passt. Mit den vielen verschiedenen Standards und immer häufigeren Modellwechseln, ist das Verkaufen und Loswerden mittlerweile ein richtiges Wettrennen geworden…

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Mein Keller heute. Wenig Bikes und alles schön aufgeräumt und versorgt. Für mich stimmt es so!



Lass dich nicht zu fest von Emotionen leiten


Sich von Gütern zu trennen ist oft ein sehr emotionaler Prozess. Als Mountainbiker der ersten Stunde habe auch ich lange die Teile von meinen allerersten Bikes behalten (Shimano XT Daumenschalthebel, Rock Ring Kettenblattschutz, DCD Kettenführung, Marzocchi XC 600 Federgabel, Panaracer Smoke Reifen, Selle Italia Flite Sattel, usw.) Wie viele Ex-Rennfahrer hatte ich auch noch eine riesige Sammlung von Startnummern, welche die Wände tapezierten. Irgendwann fragte ich mich aber, was mir das eigentlich alles bringt. Die Emotionen und Erlebnisse von damals habe ich weiterhin im Kopf, im Herzen und auf Fotos. Also verkaufte und entsorgte ich eines Tages diese Oldschool Teile und es hat mir überhaupt nicht weh gemacht. Besser noch, das Material war weg und ich musste es nicht mehr abstauben und Platz dafür hergeben.

Zugegeben, Emotionen sind etwas Schönes, vor allem wenn es den Mountainbikesport betrifft. Auch heute habe ich noch glänzende Augen, wenn ich vor einem alten Yeti, Klein, Ritchey, Breezer, usw. stehe. So war dann auch der Besuch der Mountain Bike Hall of Fame in Kalifornien im August 2016 einer der schönsten Momente in meinem Bikerleben (siehe Blogeintrag).

Aber eben, ich überlasse dieses Sammeln von altem Material den Profis, welche damit dann Bikes für das Museum zusammenbauen. So wird die Geschichte des Fahrrads weiter getragen und findet in der Öffentlichkeit statt. Und nicht in einem Keller in vergammelten Kisten.

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Mountain Bike Hall of Fame in Kalifornien. Die Pilgerstätte für Oldschool Fans!



Bekleidung und Trinkflaschen nicht vergessen


Nicht nur beim Material für die Bikes kann man die Kontrolle verlieren, sondern auch bei Bekleidung und Trinkflaschen. Radsport ist ein Ganzjahressport und um für alle Jahreszeiten gewappnet zu sein, braucht es einiges an Kleidern. Wer Wettkämpfe bestreitet, wird auch dort noch mit Erinnerungsshirts oder Trinkflaschen zugemüllt. Ich warte immer noch auf den Event, wo ich ein Shirt erhalte, dass mich nicht wie eine lebende Werbesäule aussehen lässt...

Bei der Bekleidung gilt ebenfalls, was nicht mehr brauchbar oder passend ist, gehört weggeschafft. Aus dem Baumwoll-Shirt vom Bikerennen von 2001 kannst du immerhin noch Putzlappen schneiden. Radhosen, deren Sitzpolster mittlerweile dünn wie Papier ist, wandern in den Müll. Ausgeleierte und verblichene Trikots wirst du auch nicht mehr anziehen, also weg damit. Falls du noch coole Retro- oder Kultshirts besitzt, diese können in einen Bilderrahmen gelegt und aufgehängt werden. An der Wand sehen sie besser aus, als in der Kiste im Keller.

Trinkflaschen ist ein weiteres Relikt, das sich laufend anstaut. Du solltest nur die Flaschen behalten, welche sicher in deinen Flaschenhalter passen und dir gefallen. Hässliche, alte und verschimmelte Bidons kannst du fachgerecht entsorgen.

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Auch bei der Bekleidung kann man die Kontrolle verlieren...



Verkaufen/Kaufen, Verschenken, Entsorgen


Dein nicht mehr benötigtes Bikematerial oder auch ganze Fahrräder kannst du auf verschiedenen Wegen loswerden.

Für den persönlichen Kontakt empfiehlt sich eine Teilebörse, dort herrscht Basarstimmung und nebst um Preise feilschen kannst du auch noch mit Gleichgesinnten fachsimpeln. Legendär ist zum Beispiel der Teilchenbeschleuniger in Zürich, wo sich jeweils das Who-is-Who der Schweizer Veloszene trifft. Mittlerweile gibt es auch Ableger in anderen Kantonen.

Wenn du dein Zeugs online loswerden willst, dann sind folgende Websites eine gute Möglichkeit: eBayFacebook Marketplace und spezifische Facebook Seiten, um an internationale Kundschaft zu gelangen. Und TraildevilsVelomarktRicardoTuttiVeloclickVelocorner für Schweizer Käufer. Aber mach dir keine Hoffnungen, dass du damit reich wirst. Der Markt ist toter als tot… Es herrscht ein totales Überangebot an Bikes und Komponenten und dementsprechend sind die Preise am Boden. Ich musste schon ein paar Mal fast weinen, wenn ich für nagelneues Material nur noch einen Schweinepreis erhalten habe.

Dafür kann man als Käufer natürlich von dieser Situation profitieren. Mit ein wenig Geduld findet man auf dem Gebrauchtmarkt neues Material zu Preisen, bei denen auch der günstigste Online-Shop nicht mithalten kann. Und gleichzeitig tut man Gutes, wenn man bereits vorhandene Ware kauft und so die Konsum- und Wegwerfmentalität ein bisschen bremst.

Um deine soziale Seite zu zeigen und jemandem eine Freude zu bereiten, kannst du dein überzähliges Material auch einfach verschenken. Viele Bikeclubs oder Familien sind froh, wenn sie für ihren Nachwuchs gratis zu Bikes, Biketeilen oder Bekleidung kommen. Was für dich selbst nicht mehr gut genug ist, das reicht für andere noch lange. Die Dankbarkeit, die du für diese nette Geste erhältst ist unbezahlbar!

Hortest du abgefahrene Reifen, ausgetauschte Kettenblätter, verbogene Schaltwerke und gekürzte Lenker? Ab in den Müll damit! Es gibt Teile, für die du weder Geld bekommst, noch jemanden eine Freude machen kannst. Es bringt nichts, wenn du stark gebrauchtes oder sogar defektes Material aufbewahrst. Du wirst diese Dinge nie mehr verwenden, verschwende keinen Platz dafür.

Wenn du die Entsorgung unbedingt vermeiden willst, dann hat vielleicht ein Künstler Interesse an deinem Altmetall. Es gibt einige kreative Köpfe, die aus alten Teilen Schmuckstücke, Kleiderbügel, Bilder, Taschen, usw. herstellen.

In diesem Sinne, viel Spass beim Aufräumen, Verkaufen und Entsorgen! Du wirst sehen, es macht dich glücklich!

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Der Teilchenbeschleuniger in Zürich. Die Kultveranstaltung für Velofans! (Foto: Facebook/Teilchenbeschleuniger)

11. Februar 2020

Mountainbiken vor der Haustüre

"Ich habe keine Zeit." "Das Wetter ist mir zu schlecht." "Ich muss die Kinder hüten." "Ich bin verschnupft." Es gibt leider viele Ausreden, um sich vor dem schönsten Sport zu drücken...

Biken bedeutet aber nicht nur, stundenlang in Wäldern und auf Bergen herumzukurven. Du musst auch nicht immer deine Kondition trainieren, eine gute Fahrtechnik ist fast noch wichtiger. Und diese kannst du mit wenig Aufwand und in kurzer Zeit verbessern.

Hier kommt die ultimative Anleitung für das Biken direkt vor der Haustüre (oder in einer Tiefgarage). Alles was du dazu brauchst sind Mountainbike, Helm, Schuhe, ein paar Bidons und 15-20 Minuten Zeit.

Alle hier gezeigten Techniken werden dir auch an einem Fit for Trails Bikekurs gezeigt und gelehrt.

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Aus der Haustüre raus und schon beginnt die Action!


Gleichgewicht schulen


Das Gleichgewicht ist die wichtigste Grundkomponente für gutes und sicheres Biken. Und gewisse Techniken lassen sich nur mit einer soliden Balance umsetzen. Hier solltest du also immer dran bleiben.

Trackstand


Der Klassiker ist das Stehenbleiben an Ort und Stelle. Stehend anfahren, Bremsen ziehen, Lenker nach rechts oder links einschlagen für mehr Stabilität und Blick nach vorne richten. Es braucht am Anfang eine gewisse Zeit, bis du den Punkt findest, wo du stabil stehst. Nicht verzweifeln, wenn es nicht gleich klappt, balancieren ist reine Übungssache.

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Der Trackstand ist die wichtigste Basisübung, um das Gleichgewicht zu verbessern.


Bidon aufheben


Stelle einen Bidon oder einen anderen Gegenstand auf den Boden und versuche beim Vorbeifahren mit der Hand danach zu greifen. Mit tiefem Sattel geht es einfacher, mit hohem Sattel ist die Herausforderung grösser. Trainiere beiden Seiten, damit du mit links und rechts den Gegenstand auflesen kannst.

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Streck dich! Gegenstände vom Boden aufheben hilft dem Gleichgewicht und der Beweglichkeit.


Spurgasse fahren


Suche eine längere Markierung oder ein Gitter am Boden, wo du entlang fahren kannst. Der Blick gehört nach vorne gerichtet und nicht auf das Vorderrad. Je geringer die Geschwindigkeit, desto schwieriger wird es, die Balance und Spur zu halten.

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Fahre möglichst langsam auf einer Linie und versuche die Spur zu halten.


Bremsen dosieren


Wer schon einmal in einem Fit for Trails Bikekurs war oder diesen Blog liest, der weiss: Gute Mountainbiker bremsen nur mit dem Zeigefinger! Es braucht niemals zwei oder sogar drei Finger am Bremshebel.

Bremsen ohne Blockierung


Beim Bremsen ist vor allem die richtige Dosierung entscheidend und das Zusammenspiel von Vorder- und Hinterbremse. Mit blockiertem Hinterrad durch die Kurve zu driften ist lustig, aber nicht ganz Sinn der Sache. Stelle mit zwei Bidons eine Bremsstrecke von ca. 2 Metern auf. Fahre mit hoher Geschwindigkeit an und versuche nun zwischen den Bidons auf Null runterzubremsen, ohne dass die Räder blockieren. Die Gewichtsverteilung ist zentral, für mehr Bremskraft kann auch das Gesäss nach hinten verschoben werden.

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Vollbremsung auf kurzer Distanz, ohne dass die Räder blockieren.


Endo/Stoppie


Der Endo oder Stoppie bedeuten, dass du so kontrolliert bremst, dass sich das Hinterrad vom Boden hebt und du kurz auf dem Vorderrad stehen bleibst. Dieses Manöver braucht Mut und Selbstvertrauen, ist aber gleichzeitig eine gute Übung für das Gefühl der Bremsdosierung. Fange mit einer tiefen Geschwindigkeit an und zieh vorsichtig an der Vorderbremse. Mit einer kleinen Bewegung aus den Füssen und Beinen kannst du dem Hinterrad einen Kick verleihen, damit es besser steigt. Der Körperschwerpunkt bleibt zentral, hänge nicht zu weit über den Lenker. Versuche stetig die Geschwindigkeit und Bremskraft zu steigern. Wenn das Überschlagsgefühl kommt, löse sofort die Vorderbremse und das Hinterrad sollte wieder zu Boden fallen.

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Hoch das Hinterrad! Der Stoppie hilft dir mehr Gefühl für die Bremse zu entwickeln.


Kurven fahren


Slalom fahren


Stelle 4-5 Bidons auf den Boden in einem Abstand von ca. 1-2 Metern. Versuche nun um die Bidons zu fahren, ohne diese mit den Rädern zu berühren. Diese Übung machst du ausnahmsweise im Sattel sitzen, da du ein wenig mittreten musst. Wähle einen leichten Gang bzw. eine hohe Trittfrequenz, das sorgt für weniger Weg und gibt mehr Stabilität. Der Blick geht auch hier nach vorne, schaue nicht den Gegenstand direkt vor deinem Vorderrad an. Mache eine möglichst starke Lenkbewegung, fahre die Kurve rund und investiere Platz. Immer dran denken, das Hinterrad macht den kürzeren Weg als das Vorderrad. Die Beinführung ist parallel zum Oberrohr, stelle nicht das Knie zu fest nach aussen (wir sind keine Motorradrennfahrer...). Benutze die Bremsen, um die Geschwindigkeit zu kontrollieren.

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Slalom fahren schult Balance, Blicktechnik und Koordination.


8er fahren


Stelle zwei Bidons auf den Boden und fahre in einer 8 im Kreis rum. So kannst du beide Kurvenseiten trainieren. Gleiche Technik wie beim Slalom fahren, aber hier kommt noch ein Schulterblick dazu, wenn du in die Kurve reinfährst. Wenn du den Kopf drehst und die nächste Kurve anpeilst, dann folgen dein Körper und Bike automatisch mit.

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Bei engen Kurven hilft der Schulterblick, damit sich Körper und Bike in die richtige Richtung drehen.


Drucktechnik anwenden


Die sogenannte Drucktechnik wird immer dann angewendet, wenn die Kurve wenig Traktion bietet. Schotterkurven, offene Kurven und generell rutschiger Untergrund. Fahre die Kurve von aussen an, ziehe in die Kurvenmitte und lass dich wieder nach aussen treiben. Der Körperschwerpunkt ist zentral und der Blick geht mir der Kurve mit. Die Pedalstellung ist hier hoch/tief, das heisst, der kurvenäussere Fuss ist unten und der kurveninnere Fuss ist oben. Drücke das Bike nach unten und von dir weg und bewege deine Hüfte nach aussen. Dein Gewicht liegt nun auf dem kurvenäusseren Bein bzw. auf den Reifen. Je mehr Druck du ausübst, desto mehr Traktion kannst du aufbauen.

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Hüfte raus und Bike von dir weg drücken. So erhöhst du die Traktion auf rutschigem Untergrund.


Hinterrad versetzen


Das Hinterrad versetzen wird für das Befahren von Spitzkehren benötigt und gehört zur Königsdisziplin beim Biken. Es ist eine schwierige Technik, die viel Übung braucht, um sie sicher im anspruchsvollen Gelände anwenden zu können. Die Kurve eher eng anfahren (ausnahmsweise nicht weit ausholen, da das Hinterrad auch noch Platz benötigt). Vorderrad zum Blockieren bringen und Hinterrad ab Boden heben. Mit der Oberschenkelinnenseite an den Sattel und zusammen mit der Hüfte das Bike nach aussen schwingen. Mit den Schultern und dem Blick den Kurvenausgang fixieren, um die Bewegung noch zusätzlich zu verstärken. Die Körperspannung muss während der ganzen Bewegung hoch sein und der Körperschwerpunkt ist zentral. Merke dir folgende Reihenfolge: Einlenken-Bremsen-Hüfte.

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Hinterrad versetzen. Sieht einfacher aus, als es ist...


Hindernisse überwinden


Hindernisse gezielt zu überwinden sorgt für einen sicheren und flowigen Fahrstil. Versuche immer dein Vorderrad oder auch beide Räder anzuheben, wenn Wurzeln, Steine oder Absätze im Weg stehen.

Vorderrad anheben


Das Vorderrad anheben muss jeder Mountainbiker beherrschen. So kannst du Stürze über den Lenker oder Defekte am Bike gezielt vermeiden. Der Bewegungsablauf ist ziemlich simpel, nur die jeweilige Höhe muss bewusst trainiert werden. Hindernis mit Schwung anfahren, Arme und Beine leicht anwinkeln, um Spannung aufzubauen. Am Lenker ziehen, den Körper aufrichten und Gesäss nach hinten verlagern. Zur Sicherheit ein Finger an die Hinterbremse, so kannst du das Manöver abbrechen, falls du zu weit nach hinten kippst.

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Das Vorderrad anheben gehört zu den Basics. Je höher, desto besser!


Hinterrad anheben


Beim Hinterrad anheben ist die Fuss- und Beinstellung entscheidend, vor allem für Flat Pedal Fahrer. Zentral im Bike stehen, in die Knie gehen und Spannung aufbauen. Die Füsse zeigen zuerst mit der Ferse nach unten, damit sich die Sohle mit dem Pedal verkeilen kann. Dann den Körper aufrichten und die Füsse mit den Zehenspitzen nach unten richten. Wichtig ist, dass du die ganze Zeit den Kontakt zu den Pedalen nicht verlierst. Nicht die Vorderbremse ziehen und weit über den Lenker liegen sonst haut es dich über den Lenker.

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Beine und Füsse brauchen, um das Hinterrad ab Boden zu heben.


Bunny Hop


Mit dem Bunny Hop kannst du Hindernisse locker überspringen und es ist der Schlüssel, um erfolgreich Jumps zu meistern. Das Erlernen des Bunny Hops braucht Geduld, aber dieser Aufwand lohnt sich auf jeden Fall. Wichtig ist hier, dass du den Bunny Hop am besten mit Flat Pedals (keine Klickpedalen) übst, nur so lernst du den sauberen Bewegungsablauf. Ein wichtiges Detail ist die richtige Pedalstellung und Fussposition. Um das Bike führen zu können und das Hinterrad in die Höhe zu bringen, muss aus den Fussgelenken gearbeitet werden. In leicht gebückter Haltung anfahren, um Druck aufzubauen. Dann das Vorderrad explosiv nach oben ziehen und den Körper nach oben strecken. Einen Moment nur auf dem Hinterrad gleiten und dann das Hinterrad mitziehen. Wichtig ist, dass die Priorität auf dem Vorderrad liegt und dieses immer höher als das Hinterrad ist. Über das Vorderrad steuerst du auch die Höhe des Bunny Hops. Die Landung erfolgt mit beiden Rädern gleichzeitig oder mit dem Vorderrad zuerst.

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Vorderrad zuerst nach oben! Die wichtigste Regel für einen sauberen und hohen Bunny Hop.


Manual


Der Manual ist ein Manöver, bei dem man mit dem Vorderrad in der Luft durch die Gegend surft. Es ist in erster Linie ein Showelement, aber es ist ein cooles Gefühl, wenn du einfach mit Balance und Gewichtsverlagerung am gleiten bist. Der Manual funktioniert am besten, wenn du ihn auf einer leicht abfallenden Strasse übst. Mit mehr Geschwindigkeit wird es stabiler, aber auch gefährlicher. Darum ganz wichtig, immer den Finger an der Hinterbremse haben, um den Vorgang abzubrechen, falls du nach hinten fällst. Der Bewegungsablauf ist gleich wie beim normalen Vorderrad anheben. Nur mit dem Gesäss wanderst du viel weiter weit nach hinten, der Schwerpunkt liegt hinter der Hinterradnabe. Die Beine sind abwechslungsweise angewinkelt oder gestreckt, damit kontrollierst du die Balance. Die Arme sind durchgestreckt.

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Beim Manual gilt Gesäss weit nach hinten schieben und mit Armen und Beinen die Balance finden.


Wheelie


Das Wheelie gehört ebenfalls in die Kategorie Showelement. Es kann auf dem Trail aber durchaus mal nützlich sein, wenn du das Vorderrad schnell mit einem Kick nach oben ziehen kannst. Auch hier, unbedingt den Finger an die Hinterbremse und Bremsbereitschaft erstellen. Ich habe leider schon viele Biker unkontrolliert nach hinten absteigen sehen und Schläge auf den Hinterkopf tun immer weh... Beim Wheelie bleibst du auf dem Sattel sitzen, dieser sollte etwa auf halber Höhe sein. Wähle einen mittelschweren Gang, für die Kickbewegung brauchst du einen Widerstand auf dem Pedal. Pedal auf 2-Uhr Stellung bringen, Kickbewegung mit dem Fuss nach unten und gleichzeitig am Lenker ziehen. Nun sollte das Vorderrad steigen und du solltest möglich weit nach hinten sitzen und dich im sogenannten Sweet Spot bewegen. Das ist der Punkt zwischen nach vorne oder nach hinten zu kippen. Kontrollieren kannst du diesen mit der Bremse, mit der Tretbewegung und mit der Körperposition. Die Arme sind die ganze Zeit durchgestreckt und der Blick geht weit nach vorne.

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Finger an die Hinterbremse, Vorderrad nach oben ziehen und den Sweet Spot suchen. So geht Wheelie!


Treppen/Stufen fahren


Wenn du, wie ich, noch eine Treppe oder Stufe vor der Haustüre hast, dann umso besser. So kannst du auch dieses Element einbauen. Beim Treppen runterfahren gehört das Körpergewicht nach hinten, um Überschläge zu verhindern. Die Arme sind durchgestreckt und der Blick zeigt nach vorne. Die Bremsen dosiert einsetzen, vor allem die Vorderradbremse sehr vorsichtig bedienen. Bleib in dieser Haltung, bis auch das Hinterrad die letzte Stufe überwunden hat und richte dich dann wieder in die zentrale Körperposition. Starte mit einer kleinen Treppe und wage dich an immer grössere Exemplare. Fahre nicht zu zögerlich runter, das Bike braucht eine gewisse Grundgeschwindigkeit, damit du nicht bei jede Stufe hängen bleibst. Zu schnell ist allerdings auch nicht gut, auf einer Treppe kontrolliert zu bremsen ist nahezu unmöglich.

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Beim Treppen fahren wandert das Gewicht nach hinten, Arme durchstrecken und Blick nach vorne richten.


Falls du Stufen oder Treppen in die Gegenrichtung fahren möchtest, dann gelten wieder die Regeln von Vorder- und Hinterrad anheben. Ziehe vor allem das Vorderrad genügend nach oben, damit du nicht einschlägst. Und mit dem Hinterrad musst du im richtigen Moment den Lastwechsel durchführen, damit auch dieses in die Luft geht.

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Treppen überwinden in Gegenrichtung. Schau, dass du das Vorderrad genügend weit nach oben hebst.


Hier noch ein Video, welches alle beschriebenen Übungen und Techniken zeigt. Viel Spass beim Biken vor der Haustüre!

22. Januar 2020

100 Fit for Trails Bike Blogs

Am 6. März 2013 startete ich den Fit for Trails Bike Blog. Es war für mich irgendwie eine nötige und logische Ergänzung zu meiner Bikeschule, welche ich seit 2012 führe. Denn ich merkte schnell, meine Kunden waren wissensdurstig und stellten an jedem Fahrtechnikkurs interessante (und dieselben) Fragen. Warum also daraus nicht einen Fragen-Antworten-Katalog kreieren? Da ich gerne Texte schreibe, Fotos schiesse und Videos schneide war der Schritt zum eigenen Blog schnell getan.

Mittlerweile sind fast 7 Jahre vergangen und ich habe letzte Woche den 100. Blogbeitrag veröffentlicht! Vielen Dank, dass auch du zu den treuen Lesern gehörst!

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Nur ein Bruchteil der Beiträge, die in den letzten sieben Jahren veröffentlicht wurden.


Der Fit for Trails Bike Blog ist nicht nur ein wertvolles Nachschlagewerk, sondern bietet auch eine kleine Zeitreise über den Bikesport. 7 Jahre sind in diesem Sport eine halbe Ewigkeit. Vor allem bei den Technologien ist in den letzten Jahren extrem viel passiert. Obwohl ein Mountainbike immer noch in etwa gleich aussieht, ist im Detail einiges daran verändert worden. Darum ist es ganz amüsant, wenn man die älteren Beiträge und vor allem deren Kommentare liest. Ein Einfach-Antrieb oder die grossen Laufräder haben vor nicht allzu langer Zeit noch für hitzige Diskussionen gesorgt. Heute fahren wir fast alle mit modernen Bikes herum und können uns gar nicht mehr vorstellen, wie es früher einmal war mit 30 Gängen, 26 Zoll Laufrädern und ohne Vario-Sattelstütze...

Eine Rangliste der beliebtesten Blogs aus den letzten drei Jahren findest du hier:

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Die Top Ten Blogs seit Beginn. Dieser Einfach-Antrieb ist das grosse Thema...


Interessanterweise hat der Fit for Trails Blog mehr als doppelt so viele Leser aus Deutschland, wie aus der Schweiz. Obwohl von einem Schweizer geschrieben und auf die Schweizer Bikeszene bezogen. Meine Schweizer Kursteilnehmer liefern die Ideen für die Blogbeiträge, aber die deutschen Freunde sind scheinbar die fleissigeren Leser. An dritter Stelle folgen die USA (!) und erst an vierter Stelle Österreich.

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Deutschland führt den Schweizer Blog an. Aber was machen die Amis auf Rang 3?


Dank des schnellen Wandels im Radsport wird mir der Stoff zum Schreiben sicherlich nicht ausgehen. Und meine Kunden werden weiterhin viele Fragen stellen, welche ich dann wieder zu Blogs verarbeiten darf. Ich freue mich auf die Zukunft und viele spannende Beiträge!

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Stetig steigende Leserzahlen hoffentlich auch in Zukunft!

19. Januar 2020

Winterreiseziel Maremma Toscana

Du suchst ein Winterreiseziel für dein Mountainbike- oder Rennradtraining? Du möchtest dem Schnee entfliehen und milde Temperaturen geniessen? Du willst Kultur und Kulinarik erleben abseits vom Touristenrummel?

Auf diese Fragen habe ich seit einigen Jahren die Antwort gefunden: La Maremma in der Südtoscana.

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Biketour in kurzen Hosen im Dezember. Die Maremma machts möglich!


Ich habe schon mehrmals einige Tage im Winter in der Maremma verbracht. Diesen Dezember/Januar sind es sogar ganze 6 Wochen am Stück, dies auch, weil wir neuerdings eine eigene Wohnung in Caldana besitzen.

Schon in der Vergangenheit war ich überrascht, wie mild und sonnig es jeweils war. Es kann also kein Zufall sein, dass das Wetter immer gut ist, wenn ich vor Ort bin. Dieses Mal hatten wir nach genau vier Wochen ein Tag Regen, das kann man durchaus verkraften. Deshalb kann ich die Toscana als Winterreiseziel allen wärmsten empfehlen, die gerne Sport treiben oder einfach in aller Ruhe die vielen Sehenswürdigkeiten besuchen möchten.

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Die leeren Häusergassen von Pitigliano. Ohne Touristenansturm ist es ganz angenehm.


Ich war es bisher nur von meinen Winterferien in Kalifornien und Südafrika (okay, dort ist jetzt Sommerzeit) gewohnt, dass ich jeden Morgen mit blauem Himmel und Sonnenschein begrüsst werde, wenn ich die Fensterläden öffne. Mit der heutigen Klimaproblematik muss man sich aber wohl oder übel fragen, ob es sinnvoll ist, im Winter in ein Flugzeug zu sitzen, nur um der Kälte und dem Schnee zu entfliehen. Daher ziehe ich die 7-stündige Autofahrt in die Toscana vor und muss mir nicht ein ganz so schlechtes Gewissen machen.

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Der Blick aus unserer Wohnung. Jeden Morgen werden wir mit blauem Himmel begrüsst!


Kurz vor Weihnachten machten wir uns auf den Weg mit Mountainbikes und Rennrädern im Gepäck, um uns eine kleine Auszeit zu gönnen. Wir haben jeden Tag Sport getrieben und Ausflüge gemacht und freuten uns an der Italianità. Es geht um diese Zeit noch ein bisschen lockerer und ruhiger zu und her, als sonst schon. Meraviglioso!

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Beste Bedingungen für Rennradtouren auf einsamen Strassen.

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Die klare Luft sorgt für eine beeindruckende Fernsicht!


Hier noch einige Tipps und Hinweise, falls du deine Winterferien auch mal in der Südtoscana verbringen möchtest:

  • Die Temperaturen bewegen sich tagsüber, je nach Sonne und Wind, um 10-18 Grad. In der Nacht kühlt es merklich ab und es kann schon mal frostig werden. Durch die eher tiefen Temperaturen wird man dafür mit einem klaren Himmel und von Sonnenuntergängen belohnt, wie man sie sonst nie sieht.
  • Bei den Restaurants und Übernachtungsmöglichkeiten steht nicht die ganze Auswahl zur Verfügung. Viele Betriebe schliessen nach Silvester und öffnen zum Teil erst an Ostern wieder. Vor allem die grossen Hotelkomplexe am Meer sind geschlossen, aber in einem kleinen Agriturismo ist es sowieso viel gemütlicher.
  • Die Biketrails sind zu dieser Jahreszeit nicht alle in perfektem Zustand. Wegen Wind, Jagd und Wildtieren liegen ab und zu Äste, Bäume und Steine im Weg. Eine angepasste Fahrweise ist deshalb empfehlenswert. Wir haben immer die Säge und Schaufel dabei und nehmen uns jeweils die Mühe, die grössten Hindernisse zu entfernen. Ganz nach dem Motto: No dig, no ride!
  • Zwischen 1. November und 31. Januar ist am Mittwoch, Samstag und Sonntag Jagd. Es empfiehlt sich, an diesen Tagen nicht mit dem Mountainbike in den tiefen Wäldern rumzukurven. Da sollte man sich entweder einen Ruhetag gönnen, mit dem Rennrad auf die Strasse gehen oder eine Tour entlang der Küste am Meer wählen.
  • Die Sonne geht um diese Jahreszeit schon um ca. 16.30 Uhr unter und es wird auch gleich merklich kühler. Bei der Tourenplanung gilt es darum zu berücksichtigen, dass man früh genug wieder zu Hause ist.
  • Weihnachten und Silvester werden nicht so intensiv gefeiert, wie zum Beispiel in der Schweiz. Nur am 25.12. und am 01.01. sind die Restaurants und Läden geschlossen. An den anderen "Feiertagen" ist alles wie gewohnt geöffnet.

Und jetzt lassen wir die Bilder sprechen!

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Der Sonnenuntergang und die blaue Stunde sind atemberaubend!

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Der Boden ist supertrocken und bietet perfekte Bedingungen für kleine Spielereien. 

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Saftiges grün und eine mystische Stimmung in den Hügeln der Maremma.

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Ausflug nach Castiglione della Pescaia bei schönstem Wetter.

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Die angeblich schönste Stadt der Toscana: Pitigliano.

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Die natürliche Therme von Saturnia. Ein Pflichtbesuch im Winter!

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Das 37 Grad warme Wasser lädt zum stundenlangen Baden ein.

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Biketour in den Hügeln rund um Caldana und Ravi.

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Ein bisschen Forstarbeit muss auch sein, damit alle Trails fahrbar bleiben.

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Italien wie man es liebt! Sonne, Pizza, Fiat Panda und Mülltonnen...

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Eine Laufrunde am Strand ist nie verkehrt.

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Auch die Locals gönnen sich keine Winterpause. Bikerennen in Scarlino.

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Castiglione delle Pescaia bei Vollmond.

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No dig, no ride! Als Mountainbiker gehört es sich, dass man die Trails selber pflegt.

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Rennradparadies Toscana!

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Blick über Caldana in die Weiten der Maremma.

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Send it! Die Biketrails bieten Action für jedes Fahrkönnen.

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Nach vier Wochen das erste Mal ein Tag Regen... Man kann es verkraften!

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Haben wir eigentlich schon die wunderschönen Sonnenuntergänge erwähnt?!