1. September 2014

Rennbericht: Tortour 2014

Und wieder einmal wagte sich der Mountainbikeguide an ein Rennradabenteuer. Im 4er Mixed-Team nahm ich an der Tortour teil. Die Tortour ist ein Non-Stop Rennen, welches in Schaffhausen beginnt und endet und entlang der Grenze rund um die Schweiz geht (oder fast, der Kanton Tessin und der westlichste Zipfel werden ausgelassen). Die Streckenlänge beträgt 1'003 Kilometer und geht über 14'500 Höhenmeter.

Fahrer und Helfer in der Daylong Teambekleidung









Noch ein letztes Mal richtig essen!

Wir sind bereit für das grosse Abenteuer...

... ein weiter Weg liegt vor uns!

Am Donnerstag ging es los und wir richteten uns für die bevorstehenden Strapazen ein. Die Fahrer checkten ihre Ausrüstung und die Velos ein letztes Mal und die Helfer schauten, dass die beiden Fahrzeuge bereit waren für eine erfolgreiche Begleitung. Zuerst gab es am Nachmittag noch einen kurzen Prolog, bei welchem die Startpositionen für das eigentliche Rennen bestimmt wurden. Die Strecke war knapp 1 km lang und beinhaltete eine 15 % steile Steigung. Wir gingen es locker an, bei dieser Renndistanz spielte es für uns keine Rolle, ob wir als Erste oder Letze losfahren. Wir holten uns den 5. Startplatz von den 9 Mixed-Teams.

Mein Moots, mein treuer und zuverlässiger Begleiter

Kleine Showeinlage am Prolog (Foto: Tortour.com)

Um 02.37 Uhr am Freitag Nacht erfolgte dann der offizielle Startschuss für uns. Die erste Etappe fuhren wir gemeinsam im Team bis nach Kreuzlingen. Die weiteren Strecken mussten dann alleine gefahren werden, dafür erhielt jeder Fahrer einen Buchstaben von A-D. Die Strecken mussten strikte in der richtigen Buchstabenreihenfolge absolviert werden. Ich war Fahrer C, das hiess der Mann für die Berge (total erwarteten mich 311 km und 4'730 hm).

Zurück zur ersten Etappe. In der Dunkelheit und im Lichtkegel des Begleitautos bewegten wir uns von Schaffhausen nach Kreuzlingen. Wir fuhren erneut ziemlich locker, für uns standen schon von Anfang an der Spass und ein Durchkommen ohne Probleme im Vordergrund. Wir hatten uns auch nicht speziell vorbereitet, unser einziges Ziel war, dass wir nicht Letze wurden... Schon bald kamen dann von hinten die Teams, die eine Podestplatzierung angepeilt hatten. Mit Zeitfahrmaschinen und Zeitfahrhelmen brausten sie an uns vorbei und liessen uns, mit den "normalen" Rennrädern gleich mal stehen.

In Kreuzlingen ging dann der erste Fahrer alleine weiter und die restlichen Teammitglieder teilten sich auf die Fahrzeuge auf. Es war eng in den Autos, 7 Leute und 3 Velos brauchen doch ganz viel Platz. Als sich das Adrenalin ein wenig legte, war ein erstes Mal dösen angesagt. Mein nächster Einsatz war erst 5 Stunden später in Chur. Allerdings machte ich kein Auge zu...

Véronique im Morgengrauen auf dem Weg nach Chur

In Chur erwartete mich meine erste Bergetappe. Über die Lenzerheide ging es bis nach Bergün (50 km/1410 hm). Zuerst konnte ich mich durch Chur noch ein wenig warm fahren, bevor es in den Anstieg ging. Ich fand gleich einen guten Rythmus und pedalte mit viel Zug Richtung Lenzerheide. Dann folgte schon mein persönliches Highlight dieser Tortour. Die Abfahrt von Lenz nach Alvaneu ist super schön und schnell zu fahren. Die Strecke besteht aus vielen langgezogenen Kurven und geht in einem gleichmässigen Gefälle runter. Ich liess mein Moots fliegen und hatte zwischendurch 88 km/h auf dem Computer! Mit einem riesigen Lachen im Gesicht war ich unten angekommen und machte mich auf den Weg zum nächsten Anstieg nach Bergün. In Bergün angekommen übergab ich an Fahrerin D, welche über den Albulapass ins Engadin radelte.

Linda voll auf der Höhe!

In Zernez war dann eine weitere Wechselzone und Fahrer A überquerte den Flüelapass und fuhr zurück nach Chur. Dann kam was irgendwann kommen musste... Auch die Tortour wurde nicht vom anhaltend schlechten Wetter verschont, kurz vor der Passhöhe setzte der Regen ein. Da sah man dann auch die ersten Opfer der Strapazen, vor allem die Singlefahrer hatten bei diesen widrigen Bedingungen besonders zu beissen. Unser Fahrer kam heil in Chur an und übergab an Fahrerin B. Sie musste von Chur bis nach Disentis, wo ich dann übernahm und mich gleich auf meine nächste Bergetappe begab.

Dieser Streckenabschnitt galt als Königsetappe, von Disentis ging es zuerst über den Oberalppass und dann gleich auch noch auf den Furkapass (51 km/1820 hm). Ich konnte mich in der Zwischenzeit gut erholen und war wieder mit ziemlich frischen Beinen unterwegs. Den Oberalppass meisterte ich ohne Probleme und auf der Passhöhe machte ich eine kurze Pause, wo ich von den Helfern verpflegt, warm eingekleidet und mit Licht ausgerüstet wurde. Just als ich in die Abfahrt startete, setzte erneut der Regen ein... Ich fuhr vorsichtig hinunter nach Andermatt und wollte keine unnötigen Risiken eingehen. Die kurze Fläche bis nach Hospental eignete sich gut um die Muskeln zu lockern, bevor nochmals fast 1'000 Höhenmeter vor mir lagen. Es war zwar erst 19.00 Uhr als ich den Anstieg in Angriff nahm, aber die dunklen Wolken und der stärker werdende Regen machten den Tag zur Nacht. Ich schaltete zur Sicherheit das Licht ein und kämpfte mich Meter um Meter in die Höhe. Die Stimmung war gespenstisch, ab und zu kreuzte mich ein Auto, ansonsten war ich ganz alleine unterwegs in dieser Steigung. Langsam spürte ich meine Beine und der Regen und die Kälte zerrten an den Kräften. Aber ich fühlte mich gut und konnte einen gleichmässigen Rythmus fahren. Kurz vor der Passhöhe fielen dann dicke Schneeflocken vom Himmel und die ganze Szenerie war noch viel surealer. Es war Hochsommer und wir kurvten im Schneegestöber durch die Berge! Tortour pur!

Unterwegs zum Oberalp Pass

Linda auf der Abfahrt vom Furka nach Brig (Foto: Tortour.com)

Fahrerin D übernahm auf dem Furkapass und verschwand im Nebel Richtung Etappenort Brig. Der Kanton Wallis wurde komplett in der Dunkelheit zurückgelegt. Von Brig ging es weiter nach Sion. In Sion wartete eine weitere Teamstrecke auf uns, allerdings nur für die Fahrer B und C. Meine Freundin Véronique und ich durften diesen Abschnitt zusammen fahren. Im Vorfeld hofften wir auf eine romantische Nachtfahrt bei lauen Temperaturen. Dieser Traum platzte aber aprupt... Es war kalt und auf den ersten 25 km bis nach Martigny begleitete uns ein gnadenloser Gegenwind. Nach Martigny legte sich der Wind langsam, dafür setzte kurz  vor Aigle wieder der Regen ein. Es war wie verflixt...

Nach diesem Einsatz hatte ich dann wieder eine längere Pause vor mir und es gelang mir endlich, dass ich ein bisschen schlafen konnte. Die anderen Fahrer legten in der Zwischenzeit die Distanz vom Wallis bis ins Oberaargau zurück, ehe ich in Balsthal wieder am Start stand. Dies war bereits die drittletzte Etappe und wir wussten nun, dass wir das Ziel in Schaffhausen sicher erreichen werden.

Mein Strecke führte von Balsthal bis nach Laufenburg (52 km/760 hm). Nun folgten keine Berge mehr, dafür mit dem Bölchen ein Hügel mit einem angeblich 20 % steilen Anstieg. Zu Beginn konnte ich mich wieder ein wenig einfahren, bis ich dann den Fuss des Bölchen erreichte. Viele Räuberpistolengeschichten hörte ich im Vorfeld darüber und so war ich gespannt, was mich hier erwarten würde. Es war halb so wild, die Steigung ist steil und länger, als ich dachte, aber ich kam ohne grosse Schwierigkeiten bis nach oben. Ärgerlich war dann, dass die Strasse nass war und ich die Abfahrt erneut eher vorsichtig fahren musste. Unten ging es flach weiter und ich machte Tempo um baldmöglichst ins Ziel zu kommen. Zwischendurch kamen nochmals zwei fiese kurze Steigungen, beide waren härter, als sie auf dem Streckenprofil aussahen. Aber auch da fuhr ich flüssig drüber und schon bald war ich in Laufenburg und übergab an Fahrerin D. Die zweitletzte Etappe war angebrochen!

Vollgas nach Laufenburg

Mechaniker Chris bei der Arbeit

Den letzten Abschnitt von Glattfelden bis nach Schaffhausen mussten wir nochmals zu Viert fahren. Da die Positionen bezogen waren, war es für uns eine Bummelfahrt und wir feierten bereits die bevorstehende Zielankunft. Das Wetter bedankte sich bei uns noch ein letztes Mal mit einem kurzen Regenschauer... Dieser Streckenteil zog sich ziemlich in die Länge, statt direkt nach Schaffhausen zu fahren, mussten wir noch eine Schlaufe via Deutschland einlegen, bis wir endlich den Zielbogen passieren durften. Es war geschafft! Glücklich und gesund und ohne irgendwelche Zwischenfälle waren Fahrer und Helfer angekommen! Wow, was für ein Erlebnis!!

Weg mit dem Helm, es ist geschafft!
 
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an meine Mitfahrer Véronique, Linda und Nik und an die Helfer Chris, Pädi, Piet und Tobi. Ihr seid die Besten! Und natürlich auch ein Dankeschön an die Firmen Daylong, Fit for Trails, durch-atmen.ch, Syntax, Craft, Alpina Sports, welche uns grosszügig unterstützt haben.

Achja, wir wurden übrigens nicht Letzte! Wir beendeten das Rennen nach etwas über 36 Stunden auf dem 6. Gesamtrang.