28. August 2017

Fahrbericht: Rocky Mountain Altitude Carbon 70

"Das Leben ist zu kurz, um schlechte und hässliche Bikes zu fahren".
Das haben sich wohl die Leute von Rocky Mountain gedacht, als sie das neue Altitude konstruierten und designten.

Auf das neue Altitude habe ich mich schon lange gefreut, denn es ist keine Überarbeitung des bestehenden Modells, sondern es wurde ein komplett neuer Rahmen entworfen. Seit 2013 bin ich auf verschiedenen Altitudes unterwegs, nebst meinem Rocky Mountain Thunderbolt BC Edition.

Rocky Mountain steckt das Altitude in die Kategorie "Aggressive Trail". Für mich ist es einfach ein Mountainbike, das sehr vielseitig einsetzbar ist und extrem viel Spass bietet. Ich bin kein Freund der Schubladisierung von Biketypen, den es nimmt einem die Freiheit und Entscheidung oft vorweg, mal ein anderes Bike zu probieren. Ich nenne mich Tourenbiker, auch wenn ich jetzt ein Bike fahre, mit dem man problemlos Enduro-Rennen gewinnen kann. Testet daher unbedingt auch mal Bikes, die vielleicht nicht eurem Fahrstil und Einsatzgebiet entsprechen, ich bin mir sicher, ihr werdet trotzdem begeistert sein.

Seit einigen Wochen sind die 2018 Altitude Modelle in der Schweiz lieferbar. Die Palette reicht vom günstigen Einsteigerbike Alloy 30 bis zum Luxushobel Carbon 90. Man kommt also mit jedem Budget in den Genuss der Altitude Qualitäten.

Ich habe mich für das Carbon 70 entschieden, welches in zwei Farben (ein wunderschönes türkis/weinrot und ein etwas biederes grau/schwarz/rot) und zwei Ausstattungen (komplett Shimano XT und Shimano XT Bremsen/Sram Eagle GX Schaltung) lieferbar ist. Mein Altitude entspricht nicht mehr genau der Originalkonfiguration, dazu später mehr.

Rocky Mountain Altitude Carbon 70 in der Originalkonfiguration (ausser den Onza Reifen).

Zum Vergleich und zur Erinnerung: So hat das alte Altitude ausgesehen.


Die Ausstattung


Das Herzstück ist der Rahmen, welcher 150 mm Federweg bietet und auf 27.5" Laufrädern fährt. Die Geometrie wurde den neuen Trends angepasst, das heisst, das Oberrohr/der Reach wurden länger, der Lenkwinkel wurde flacher, das Tretlager wurde tiefer und die Kettenstreben wurden kürzer. Die Verarbeitung ist wunderschön, nebst der auffälligen Farbe gibt es jede Menge Detaillösungen, mit welchen man sich von den Mitbewerbern abhebt. Die Schwingenlager an der Kettenstrebe sind von aussen nicht sichtbar. Die Bremsaufnahme ist auf 180 mm ausgelegt, es braucht keinen zusätzlichen Bremsadapter. Die Brems- und Schaltkabel sind komplett innenverlegt und dank grossen Öffnungen sind diese gut zugänglich. Eine kleine Kettenführung (nur 25 g inkl. Schrauben) hält die Kette immer auf dem Blatt. Im Unterrohr kann eine Shimano Di2 Schaltung versorgt werden und sogar für Fox Live (elektronisches Fahrwerk) sind schon Öffnungen und Löcher vorgesehen. Der Rahmen ist mit sämtlichen aktuellen Standards ausgestattet und für die nähere Zukunft ausgelegt. Auch die bekannte Geometrieverstellung Ride-9 ist wieder an Bord, mit welcher man Lenkwinkel, Tretlagerhöhe und Federkennlinie einstellen kann.

Die kleine und leichte Kettenführung hält die Kette sicher auf dem Blatt.

Die Scheibenbremsaufnahme für 180 mm Scheiben und die versteckten Schwingenlagerdrehpunkte.

Die Ride-9 Geometrienverstellung. Hier eingestellt für den flachsten Steuerwinkel und ein tiefes Tretlager.

Vier Hebel, vier Kabel. So muss ein aufgeräumtes Cockpit aussehen!


Die übrige Ausstattung ist, wie bei Rocky Mountain üblich, grundsolide und für einen möglichst unbeschwerten Trailgenuss vorgesehen. Es werden nur Komponenten verbaut, welche sich schon tausendfach bewährt haben und einem im Normalfall nie im Stich lassen.

Die Federgabel ist eine Fox 36 Float EVOL FIT4 Performance Elite mit 160 mm Federweg. Der Dämpfer kommt ebenfalls von Fox, ein Float DPS EVOL Performance Elite, welcher 150 mm Federweg am Heck bietet. Die Laufräder bestehen aus 27.5" NoTubes Flow Felgen mit einer DT Swiss 370 Hinterradnabe und einer Rocky Mountain Vorderradnabe, beides mit Boost-Standard. Maxxis Minion Reifen sorgen für guten Grip. Die Bremsen liefert Shimano, mit der Deore XT und 180 mm Bremsscheiben kann man seine Geschwindigkeit jederzeit zuverlässig kontrollieren. Für knackige Schaltvorgänge ist die neue Sram Eagle GX zuständig, welche mit 12 Gängen immer die richtige Übersetzung bereithält. Die Vario-Sattelstütze ist eine Fox Transfer mit 150 mm Hub. Der Lenker kommt von Race Face mit einer Breite von 780 mm und der Vorbau ist von Rocky Mountain mit einer Länge von 50 mm. Der Steuersatz ist von FSA, die Lenkergriffe von Rocky Mountain und der Sattel von WTB.

Und nun kommen wir zu meiner speziellen Ausstattung. Ich habe an meinem Bike einige Teile gewechselt, damit es meine persönlichen Vorlieben erfüllt. Ich bin in diesem Punkt ein wenig konservativ... Nicht, dass ich auf altes Zeugs stehe, ganz im Gegenteil. Aber ich habe in meinen fast 30 Bikerjahren schon zu viel erlebt und darum verbaue ich nur noch Material, vom dem ich weiss, dass es perfekt für mich passt.

Die Fox 36 habe ich gegen eine Rock Shox Pike ausgetauscht. Leider hatte ich mit Fox Gabeln in den letzten Jahren schlechte Erfahrungen gemacht und als ich zum ersten Mal vor 3 Jahren eine Pike fuhr, da war klar, wie eine Federgabel funktionieren muss. Darum habe ich die neue Pike 2018 mit ebenfalls 160 mm Federweg eingebaut. Diese ist auch noch gut 150 g leichter, ein angenehmer Nebeneffekt.

Die Sram Eagle GX Gruppe habe ich ebenfalls abgeschraubt und eine klassische Sram X01 mit 11 Gängen und 10-42 Kassette montiert. Ich sehe momentan noch keinen Grund, um 12 Gänge und 500% Bandbreite zu fahren. Die Sram X01 hat mich schon in den letzten Jahren immer treu begleitet und ich kam dank starker Beine auch die steilsten Anstiege hoch. Ich fahre ein 30er Kettenblatt (notfalls auch 28 Zähne) vorne und so bietet sich eine optimale Abstufung.

Die Laufräder habe ich auch gewechselt. Bei den Laufrädern habe ich in den letzten Jahren wohl so ziemlich jedes Fabrikat gefahren, alle hatten früher oder später starkes Lagerspiel oder der Freilauf versagte seinen Dienst. Seit einiger Zeit fahre ich an meinen anderen Bikes Laufräder von Syntace und mit diesen hatte ich auch nach tausenden von Kilometern keine Probleme. Also war klar, dass auch mein neues Altitude wieder damit bestückt wird. Ich wählte die Syntace W35 MX, welche breiter und leichter sind, als die originalen NoTubes Flow.

Stichwort Laufräder bzw. Rahmen/Gabel, hier gibt es einen ersten Kritikpunkt, was die Spezifizierung betrifft. Am Bike gibt es nur geschraubte Radachsen vorne und hinten. Das heisst, zum Rad ein- und ausbauen muss jedes Mal ein 6 mm Inbusschlüssel in die Hand genommen werden. Für mich als Bikeguide, der das Bike jeden Tag mehrmals ins Auto lädt oder auch mal in der Tasche im Zug transportiert, ist das äusserst mühsam. Hier wollte man am falschen Ort ein paar Gramm sparen... Zum Glück konnte ich dieses Problem mit dem Wechsel der Federgabel gleich lösen, die Rock Shox Pike hat einen herkömmlichen Schnellspanner.

Ansonsten wechselte ich wegen meinen Sponsoren noch Reifen und Bremsbeläge/Scheiben. Bei den Reifen vertraue ich schon seit Jahren auf die Schweizer Gummis von Onza, der Ibex 27.5x2.4 ist ein super Allroundreifen, welcher immer genügend Grip bietet. Die Bremsbeläge und Bremsscheiben sind von SwissStop, die neuen Catalyst Scheiben mit 200 mm vorne und 180 mm hinten und die EXOTherm Beläge bieten brachiale Verzögerung.

Den Vorbau habe ich um 10 mm verlängert, ich fahre nun ein Race Face Turbine mit 60 mm. Obwohl das Bike insgesamt länger wurde, war es mir mit dem 50 mm Vorbau zu kurz, vor allem beim Berg hochfahren stimmte die Position nicht richtig.

Platz nehme ich auf einem alten fi'zi:k Tundra, welcher mich schon jahrelang begleitet. Mein Hintern und der Sattel haben sich schon so fest aneinander gewöhnt, ich kann wohl nie mehr ein anderes Modell fahren.

Das Gewicht vom Bike liegt übrigens komplett fahrfertig bei 13,1 kg in Grösse Medium in der Originalkonfiguration. Mein Altitude konnte ich um 400 g abspecken und bin so bei guten 12,7 kg gelandet.

So sieht meine abgeänderte Version vom Altitude Carbon 70 aus. Wunderschön, oder?

Das Bike punktet mit einem steifen Rahmen, moderner Geometrie und bewährten Komponenten.


Der Fahrbericht


Als alter Altitude Fahrer war ich natürlich besonders auf die erste Ausfahrt gespannt. Konnte das Bike wirklich noch besser werden? Ja, es kann und wie!

Zuerst zum meinem Setup: Bei 1.77 cm und 69 kg fahre ich die Rock Shox Pike mit 55 PSI und 1 Token drin. Den Fox Dämpfer habe ich auf 165 PSI gepumpt. Das Ride-9 fahre ich in der flachsten und tiefsten Einstellung.

Meine ersten Testfahrten fanden gleich bei schwierigen Bedingungen statt. Mein Haustrail war nass und schlammig vom Regen am Vorabend. Aber kein Problem, das Altitude lässt sich auch bei schmierigen Verhältnissen sicher steuern. Zwei Tage später ging es dann nach Crans-Montana, wo wir unser Enduro-Bikeweekend durchführten. Während drei Tagen wurden 3000 Höhenmeter aufwärts und 9000 Höhenmeter runter absolviert. Der Härtetest war erfolgreich!

Schon beim ersten Antritt merkt man die Steifigkeit des Rahmens. Dank kurzer Umlenkhebel und einer kompakten Bauweise geht das Bike richtig gut vorwärts. Trotz 160/150 mm Federweg klettert das Bike wie eine Gemse den Berg hoch. Das Vorderrad liegt gut am Boden, mit zusätzlichem Druck auf den Lenker kann man selbst steilste Anstiege problemlos meistern.

Beim Downhill spielt das Altitude dann seine komplette Stärke aus. Wie schnell das Bike wirklich ist, hat kürzlich auch der Rocky Mountain Teamfahrer Jesse Melamed bewiesen, der souverän das Enduro World Series Rennen in Whistler gewonnen hat.

Es ist eine Freude, wie unbeschwert sich das Altitude durch schwieriges Gelände schlängelt. Man steht schön zentral im Bike drin und hat so immer die volle Kontrolle. Dank kurzer Kettenstreben sind Bunny Hop und Manual spielend leicht machbar. Schnelle Richtungswechsel gehen ebenfalls locker von der Hand, ja man kann das Bike so richtig aggressiv in die Kurve schmeissen. Auch bei hohen Geschwindigkeiten und Sprüngen hält das Altitude sicher die Spur, der lange Radstand gibt einem ein vertrautes Gefühl.

Ein kleiner Kritikpunkt gibt es zur Abstimmung vom Fox Dämpfer. Der Dämpfer federt zu linear. Trotz viel Luftdruck und wenig Sag, ab Mitte des Federwegs fällt der Dämpfer durch und man braucht bei grösseren Schlägen gleich den gesamten Federweg. Das lässt sich aber beheben, der Fox-Service bietet dickere Shims, damit man die Luftkammer verkleinern kann und der Dämpfer progressiver wird.

Überzeugt hat dafür die Fox Transfer Sattelstütze. Der Seilzug läuft sehr geschmeidig, der Sattel fährt schnell hoch und runter. Mit einem lauten "Klack" weiss man auch immer, dass der Sattel wieder in der höchsten Position ist. Im Vergleich zu Rock Shox Reverb, KS Lev oder Race Face Turbine setzt die Fox Transfer hier neue Massstäbe.

Die restlichen Komponenten erledigen ihren Job unauffällig und zur vollsten Zufriedenheit.

Flowige Trails machen mit dem Altitude genau so viel Spass, wie... 

... verblockte, steile und steinige Downhills, 

Drops schluckt das Fahrwerk locker weg. 

Trotz viel Federweg sind auch steile Anstiege problemlos machbar. Das Altitude klettert wie eine Gemse!



Fazit


Mit dem neuen Altitude ist Rocky Mountain der ganz grosse Wurf gelungen! Es ist ein "eines für alles" Bike, mit dem man schnell die Hausrunde fahren, aber auch Alpenüberquerungen und einen Abstecher in den Bikepark vornehmen kann.

Punkten kann das Bike mit einem hervorragenden Fahrwerk, mit einer guten Ausstattung und mit einem wunderschönen Design. Mit einem Preis von CHF 6'299.00 ist man zudem voll konkurrenzfähig mit anderen grossen Herstellern.

Für alle Biker, die immer noch das Gefühl haben, sie brauchen möglichst wenig Federweg: Diese Meinung muss man überdenken! Auch ich musste das tun. Das neue Altitude (und auch Bikes anderer Hersteller) zeigt, wo der Weg hinführt. Viel Federweg bedeutet heute nicht mehr lästig, träge und schwer, sondern puren Fahrspass, egal ob rauf oder runter. Und man kann sich auch mal einen Fahrfehler erlauben, bevor man in die Büsche fliegt, bringt einem das Bike wieder sicher zurück auf den Trail. Probiert es aus!

Hier ein Video, wo gut sehen sehen, was mit dem Bike alles machbar ist! Egal ob rauf oder runter, schnell oder langsam, steil oder flach, verblockt oder flowig, das Altitude gibt einem auf jedem Trail immer ein sicheres Gefühl. Love the Ride!



Positiv:

+ Top Fahrwerk
+ hohe Rahmensteifigkeit
+ alle aktuellen Standards an Bord
+ solide Ausstattung
+ wunderschönes Design

Negativ:

- keine Schnellspanner vorne/hinten
- Fox Dämpfer ist zu wenig progressiv abgestimmt

Preis:

CHF 6'299.00 (Altitude Carbon 70 mit Sram/Shimano)

Informationen:

Chris Sports
Rocky Mountain



Nachtrag: Mittlerweile ist für den Fox Dämpfer ein Volume Tuning Kit erhältlich, mit welchem die Progression verändert werden kann. Alle, die das Altitude sportlich fahren, sollten sich dieses Tuning gönnen. Das Bike wird mit progressiverem Dämpfer noch besser!

Eine ausführliche Anleitung zum Einbau der Spacer gibt es auf diesem Blog.

Der Fox Float CTD Air Volume Tuning Kit mit verschieden dicken Spacern.