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17 September 2020

Wie man den Mountainbikesport kaputt macht

Kürzlich hatte ich einen Blogbeitrag mit dem Titel "Sei kein schlechter Mountainbiker" verfasst, wo es darum ging, was wir als Biker tun können, damit unser Sport in der breiten Bevölkerung in ein besseres Licht rückt. Nun kann ich bei diesem Thema gleich nachhaken und zwar aufgrund von zwei Bikefilmen, die das Schweizer Fernsehen kürzlich zur besten Sendezeit um 20.10 Uhr ausgestrahlt hat. Die beiden Filme mit den Titeln "Keep on Riding" bzw. "Die aufregendsten Mountainbike-Trails der Schweiz" zeigen einige der bekanntesten Protagonisten der Schweizer Bikeszene.

Im Vorfeld wurde fleissig die Werbetrommel gerührt und ich war gespannt, was man da jetzt wohl zu sehen bekommt. Um es vorweg zu nehmen, leider musste ich mich schon nach wenigen Minuten fremdschämen. Es wurden so ziemlich alle Klischees bedient, wegen denen wir Mountainbiker einen so schlechten Ruf haben...

Im ersten Film sind unsere Cross-Country Legenden Nino Schurter und Thomas Frischknecht im Tessin und die Enduro-Zwillinge Caro und Anita Gehrig in Flims zu sehen.
Irgendwie langweilig und nicht wirklich aufregend, da hat der Titel zu viel versprochen. Nervig sind die verwackelten GoPro-Aufnahmen. In Zeiten von Gimbals und professionellem Equipment sollten die Bilder eigentlich perfekt rüberkommen. Positiv ist lediglich der Soundtrack.


Im zweiten Film sind "Ride" Herausgeber Thomi Giger und Franziska Gobeli auf das Barrhorn gekraxelt und das Zürcher Bike-Urgestein Alec Wohlgroth und Matthias Lüscher sind rund um den Üetliberg in Zürich unterwegs.
Die Aufnahmen am Barrhorn sind atemberaubend, hier wird die Schönheit vom Bikesport authentisch rübergebracht. Die Szenen am Üetliberg hätten so nicht gezeigt werden dürfen, da nur illegale Trails befahren werden (was hat man sich hierbei nur gedacht?!). Auch bei diesem Film ist der Soundtrack wenigstens gut gelungen.

NACHTRAG 18.09.2020: Wie man nachfolgend sieht, hat das Fernsehen SRF den umstrittenen Film mittlerweile vom Netz genommen. Die Sache hat so hohe Wellen in den sozialen Medien geschlagen, da hat wohl jemand kalte Füsse bekommen...


Was beiden Filmen fehlt ist eine Story und ein Dialog. Das könnten irgendwelche Biker sein, die da herumfahren. Und die Gespräche beschränken sich auf Smalltalk, man erfährt nicht wirklich, warum diese Leute diesen Sport mit einer so grossen Leidenschaft betreiben.

Nun zurück zu den Klischees. Es waren zwar alle gezeigten Biker freundlich zu den Fussgängern, die sie kreuzten. Aber es wurde quer über Wiesen und durch Wälder gepflügt, Kurven wurden geschnitten und die Hinterräder blockiert. Und als Bonus kennen jetzt alle Zuschauer die illegalen Trails am Üetliberg. Die Situation dort ist schon seit jeher delikat und jetzt wurde den Bikegegnern regelrecht in die Hände gespielt. Es wird spannend zu sehen sein, wie sich das auf zukünftige Verhandlungen mit den Behörden auswirkt. (Ein Shitstorm in den sozialen Medien läuft deswegen bereits.)

Es ist schade, dass bei beiden Filmen nur auf die Action gesetzt wird und man nur die "böse Seite" der Mountainbiker zeigt. Ich bin auch nicht immer ein Engel beim Biken, aber wenigstens lasse ich dabei nicht die Kamera laufen. Und mich sieht niemand bei der Ausübung meines Sports im grössten Fernsehsender der Schweiz.

Dabei hätte diese wertvolle Sendezeit so viel besser genutzt werden können. Nebst den Szenen auf den Trails, hätte man zum Beispiel zusätzlich noch zeigen können:

- Bikeclubs, die den Nachwuchs trainieren
- Bikeschulen, die den Bikern eine sichere Fahrtechnik vermitteln
- Trailbauer, die zerstörte Wanderwege wieder reparieren
- Biker, die den liegengelassenen Müll auf den Trails einsammeln
- Interviews mit Wanderern und Mountainbikern

Hier wurde definitiv eine ganz grosse Chance verpasst, um den Bikesport in einem positiven Licht zu präsentieren. Mountainbiker sind alles nette Menschen, die einfach mit dem Zweirad die Natur geniessen wollen. Nicht-Mountainbiker werden nach diesen Filmen aber weiterhin das gleiche negative Bild von uns haben. So bleibt nur ein Kopfschütteln auf beiden Seiten...



NACHTRAG 17.09.2020: Mittlerweile hat der Verein Züritrails via Facebook Stellung bezogen und distanziert sich klar von den gezeigten Inhalten. Die Schadenersatzforderung über CHF 30'000.00 ist aber fehl am Platz. Das Fernsehen SRF berichtet ja nicht nur negativ über uns, gerade der Rennsport erhält mit Liveübertragungen und Berichten die nötige Plattform. Lest selbst:

Wir, der Verein Züritrails, beziehen uns auf den gestrigen TV-Beitrag «Keep on Riding» des SRF Schweizer Radio und Fernsehen. Hiermit distanzieren wir uns in aller Form zu der darin durch die Protagonisten dargestellten Art und Weise der Ausübung des Mountainbikesports in Zürich. 

Wir vertreten die Haltung, dass der Mountainbikesport eine angemessene und den Bedürfnissen der Biker entsprechende Infrastruktur benötigt, und setzen uns mit all unserer Kraft für einen Ausbau der Infrastruktur ein. Trails dürfen aber keinesfalls durch Einzelaktionen und eigenmächtige Bautätigkeiten im Wald entstehen, sondern nur in Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden. Wilde Fahrten durch den Wald sind zu unterlassen. Unbestritten besteht das Bedürfnis nach mehr und anspruchsvollen Trails in Zürich. 

Diesem Bedürfnis begegnen wir mit dem Bau des neuen Höcklertrails, dessen abschliessende Finanzierung derzeit auf Lokalhelden.ch/hoecklertrail durch ein Crowdfunding angestrebt wird. Dass wir als Verein die Chance erhalten, diesen Trail zu bauen, und dabei von der Stadt Zürich unterstützt werden, werten wir als einen grossen Vertrauensbeweis seitens der Behörden uns gegenüber.

Und jetzt das!!! 

Zur Prime Time wird im SRF Schweizer Radio und Fernsehen, welches durch Staatsgelder finanziert wird und im Rahmen des Service Public zu einer sachgerechten Berichterstattung verpflichtet ist, in der breiten Öffentlichkeit und in einer unfassbaren Selbstverständlichkeit quasi Werbung gemacht für das Biken auf wilden Trails in Zürich. Eine solche Berichterstattung ist schlichtweg unverantwortlich und genügt den Anforderungen an eine sachgerechte Berichterstattung im Auftrag des Bundes keineswegs. Es laufen seit längerem Bestrebungen seitens der Stadt Zürich und von Züritrails, mit dem Bau eines neuen, legalen Trails eben genau diesem wilden Biken entgegenzuwirken. Darüber hätte SRF Schweizer Radio und Fernsehen berichten müssen!

Wir sind masslos enttäuscht von SRF, aber auch vom Protagonisten und Biker Alec. Was habt ihr euch dabei bloss gedacht!?! Die Stadt Zürich wurde im nationalen Fernsehen so dargestellt, als schaute sie dem illegalen Treiben in ihren Wäldern tatenlos zu. Nur schon von Amtes wegen wird sie wohl handeln müssen. Die Konsequenzen davon werden sicher nicht zu unseren Gunsten ausfallen. Auch wird dies den Verein Züritrails in der Zusammenarbeit mit den Behörden weit zurückwerfen. Mit solchen Aktionen verlieren wir grosse Teile der fragilen Glaubwürdigkeit, welche wir über die Jahre, notabene in unserer Freizeit, aufgebaut haben.

Zudem trägt der Beitrag wesentlich zur landesweiten Zementierung von Vorurteilen gegen Mountainbikern bei.

Schon seit längerem hat das SRF rund ums Thema Mountainbiken denkbar wenig Fingerspitzengefühl bewiesen und liebend gerne schwelende Konflikte gesucht, und darüber berichtet. Jetzt habt ihrs geschafft. Der Konflikt ist da. SRF, ihr schadet uns mit solchen unsachlichen, nicht sauber recherchierten Berichten gewaltig! Den immateriellen Schaden, den ihr uns damit antut, kann man nicht so schnell wiedergutmachen. Wir fordern vom SRF Schweizer Radio und Fernsehen eine ansatzweise Wiedergutmachung in der Höhe von CHF 30'000.-- als Spende für die Baukosten an den Höcklertrail. Dann könnt ihr auch wieder mal etwas Positives übers Biken berichten. Zudem erwarten wir von euch eine schriftliche Stellungnahme, was der Sinn dieser Sendung sein soll, was dem Publikum damit vermittelt werden sollte und welcher Mehrwert das Programm damit erhält. Ausserdem verlangen wir im gleichen Ausmass eine Gegendarstellung bzw. eine Richtigstellung über das Biken in Zürich, ebenfalls zur Prime Time.

Zum Abschluss versuchen wir aber wieder nach vorne zu blicken und unsere Mission, die Verbesserung der Bike Infrastruktur in der Stadt Zürich, in den Mittelpunkt zu stellen. Unterstützt uns, indem ihr Mitglied von Züritrails werdet und unser aktuelles Projekt, den Bau des Höcklertrail, unterstützt (lokalhelden.ch/hoecklertrail).

Zürich, 16. September 2020, der Vorstand von Züritrails

14 September 2020

Kurztest: Rocky Mountain Instinct Powerplay BC Edition Alloy 70 2021

Im Rahmen des Testride auf der Lenzerheide vom 11.-13.09.2020 hatte ich die Möglichkeit, das neue Rocky Mountain Instinct Powerplay BC Edition Alloy 70 2021 zu fahren. Ich hatte bereits 2018 einen ausführlichen Testbericht über das Instinct Powerplay verfasst, als es neu auf den Markt kam. Mittlerweile sind zwei Jahre vergangen und dem E-Bike wurden kleine Kinderkrankheiten ausgetrieben und es ist jetzt mit den aktuellsten Komponenten erhältlich.


Ausstattung

Der Unterschied zwischen dem Instinct Powerplay BC und dem Instinct Powerplay sind mehr Federweg und noch robustere Komponenten. Je nach Budget gibt es drei verschiedene Ausstattungsvarianten: Carbon 90, Alloy 70 und Alloy 50. Der Motor und der Akku sind bei allen Modellen gleich, der Dyname 3.0 sorgt mit 108 Nm für viel Power und der 672 Wh Akku für lange Reichweite.

Das Instinct Powerplay BC Alloy 70 hat einen stabilen Alu-Rahmen, welcher in zwei Farben lieferbar ist. Der Akku ist fix integriert ist und kann nicht entfernt werden. Die Federung übernehmen der Fox Float DPX2 Performance Dämpfer mit 155 mm und die neue Fox 38 Float EVOL GRIP Performance Federgabel mit 160 mm Federweg. Die bewährte Shimano Deore XT Gruppe regelt die Schaltvorgänge und die 4-Kolbenbremse verlangsamt die Geschwindigkeit. Die absenkbare Race Face Turbine R Sattelstütze bietet, je nach Rahmengrösse, 125-175 mm Hub. Lenker und Vorbau sind Hausmarke Rocky Mountain. Die 29" Laufräder sind ein Mix aus DT Swiss 370 Naben, DT Swiss Speichen und 30 mm breiten WTB Felgen. Für den Grip sorgen Maxxis Minion DHF 29x2.5 WT und Minion DHR 29x2.4 WT Reifen.

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Das Rocky Mountain Instinct Powerplay BC Edition 2021 auf der Lenzerheide.


Auf dem Trail

Als Vergleichsreferenz dient mein Mondraker Chaser 29, welches ich normalerweise fahre. Die beiden Bikes haben, ausser der Laufradgrösse, fast nichts gemeinsam. Das Mondraker hat den Bosch CX Motor und muss wegen der langen Geometrie sportlich und kraftvoll bewegt werden.

Es gibt ja mittlerweile diese Marketingfloskel "dieses E-Bike fährt sich wie ein normales Bike", welche von immer mehr Herstellern verwendet wird. Ich habe in den letzten Jahren schon viele verschiedene E-MTB gefahren, aber nur bei Rocky Mountain trifft diese Aussage wirklich zu. Sobald man auf dem Instinct Powerplay sitzt oder steht, vergisst man, dass man motorisiert unterwegs ist. Nur den Antrieb hört man, er macht immer noch dieses mahlende Geräusch, welches aber nicht mehr so laut ist, wie in den früheren Versionen. Wenn es den Trail runter geht, dann ist das Bike aber komplett leise. Im Gegensatz zum Mondraker, wo das bekannte Klappern vom Bosch Motor die Ruhe stört.

Gespannt war ich vor allem auf die neue Fox 38 Federgabel, die mit ihren dicken 38 mm Standrohren perfekt in den Rahmen passt. Mit meinen 68 kg Körpergewicht gehöre ich nicht unbedingt zu den Bikern, die eine steifere Gabel benötigen. Aber ich irrte mich, selbst als leichter Fahrer bietet mir die Fox 38 Vorteile, insbesondere die Spurtreue beeindruckte. Einfach frontal auf die Steine und Wurzeln zuhalten, das Vorderrad ein wenig entlasten und der Rest erledigt die Federgabel. Unglaublich, was 2 mm mehr Durchmesser an einer Gabel ausmachen können.

Gepaart mit den kurzen 442 mm Kettenstreben erhält man ein Fahrwerk, welches sich extrem locker und agil bewegen lässt. Trotz 25 kg Gesamtgewicht tänzelt das Instinct Powerplay BC leichtfüssig über alle Hindernisse und lässt sich ohne grossen Kraftaufwand bewegen. Es ist wirklich so, man vergisst, dass man hier auf einem E-Bike steht.

Der starke 108 Nm Motor kann ebenfalls überzeugen. Er ist viel direkter am Gas, als der Bosch CX. Während der Bosch die Kraft eher zögerlich entfaltet, geht es beim Dyname 3.0 gleich voll zur Sache. Die drei Stufen reichen aus, um in jedem Anstieg die passende Unterstützung zu geniessen. Spartanisch ist die iWoc Bedienung, über welche nur die Motorstufen gewählt und die Batterieanzeige mit farbigen Streifen angezeigt werden. Wer ein Display für weitere Informationen benötigt, muss ein externes GPS-Gerät damit verbinden. Via Handy-App kann man die Charakteristik der einzelnen Stufen einstellen und man hat einen Überblick rund um Antrieb und Akku.

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Die neue Fox 38 überzeugt mit unglaublicher Steifigkeit und Spurtreue.


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Trotz hohem Gewicht steigt das Instinct Powerplay BC locker aufs Hinterrad.


Fazit

Auch in diesem Test kann das Instinct Powerplay wieder überzeugen. Während mein Mondraker nur für fortgeschrittene Biker geeignet ist, finden sich mit dem Rocky Mountain alle zurecht. Das einfache und gutmütige Handling sorgt für viel Spass. Das hervorragende Fahrwerk bügelt auch die grössten Hindernisse platt. Der starke Motor und der grosse Akku lassen lange Ausfahrten in steilem und anspruchsvollem Gelände zu. Love the ride!


Preis

ab CHF 6'799.00 (Alloy 70 CHF 7'999.00)


Informationen


Rocky Mountain
CHRIS sports